Walter Cardinal Kasper Walter Cardinal Kasper
Function:
President of Promoting Christian Unity, Roman Curia
Title:
Cardinal Deacon of Ognissanti in Via Appia Nuova
Birthdate:
Mar 05, 1933
Country:
Germany
Elevated:
Feb 21, 2001
More information:
www.catholic-hierarchy.org
Send a text about this cardinal »
View all articles about this cardinal »
German Ökumene - "Blick über den nationalen Gartenzaun"
Nov 29, 2004
Interview mit Kardinal Walter Kasper, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen. Deutschland darf seine ökumenischen Probleme nicht verabsolutieren

(katholische-kirche.de, 07.05.2003) Würzburg/Rom - Anlässlich der Ökumenetagung zu Ehren von Bischof Dr. Paul-Werner Scheele war Walter Kardinal Kasper, Präsident des Päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen in Würzburg. In folgendem Interview äußert er sich zur Einheit am Tisch des Herrn, zur Bedeutung Deutschlands in der Ökumene und zu Reaktionen im orthodoxen Umfeld auf die Enzyklika des Papstes.

Frage: Die Einheit am Tisch des Herrn ist der große Wunsch aller Christen. Ist für Sie diese Einheit auf Erden realisierbar oder müssen wir doch auf die Ewigkeit warten, um alle vereint zu sein?

Kardinal Kasper: Wenn ich zurückschaue auf die Geschichte der Ökumenischen Bewegung und auf meine eigene Biografie, dann haben wir in den vergangenen 40 Jahren mehr erreicht als in den Jahrhunderten zuvor. Es gibt überhaupt keinen Grund zu resignieren oder frustriert zu sein. Wir haben uns in der Substanz geeinigt, über das Zentrum des Evangeliums, die Rechtfertigungslehre. Einen Termin für die Einheit am Tisch des Herrn kann man nicht bestimmen. Aber ich gehe davon aus und hoffe, dass wir in absehbarer Zeit weiterkommen und bald am Tisch des Herrn vereint sind.

Frage: Glauben Sie, dass Sie das noch selbst erleben werden?

Kardinal Kasper: Ich hoffe das natürlich. Ob es so wird, weiß ich nicht. Aber ich hoffe darauf, sonst müsste ich meinen Job wechseln.

Frage: Vor allem angesichts des Ökumenischen Kirchentags hört man derzeit von offizieller kirchlicher Seite immer wieder das Argument, dass die Kirche in Deutschland ja nur ein kleiner Teil der Weltkirche sei und sie sich nicht so wichtig nehmen solle. Wie stark wird in Rom die Ökumene in Deutschland und der Ökumenische Kirchentag beachtet?

Kardinal Kasper: Deutschland ist das Ursprungsland der Reformation. Deshalb spielt es in der Ökumene eine bedeutende Rolle. Auch die deutsche Theologie war vor allem beim Zweiten Vatikanischen Konzil sehr einflussreich. Auf sie schaut man nach wie vor. Auf der anderen Seite ist Deutschland nur ein Teil der Weltkirche. Man darf die deutsche Problematik nicht verabsolutieren. In anderen Ländern, vor allem in den USA und in Kanada, gibt es Entwicklungen zwischen Katholiken und Lutheranern, auf die man in Deutschland nur neidisch sein kann. Deshalb blickt man von dort manchmal etwas unverständlich auf Kontroversen, die in Deutschland geführt werden. Ich denke, man muss in Deutschland wieder etwas mehr über den eigenen Gartenzaun hinausschauen. Sonst besteht die Gefahr des Provinzialismus. Deutschland ist in der Ökumene nicht unbedeutend. Aber andererseits muss auch Deutschland den Blick auf die Weltkirche richten. Es muss schauen, was weltweit in der Ökumene vor sich geht und davon lernen. Beispielsweise ist die Reaktion auf die neue Enzyklika des Papstes zur Eucharistie in Amerika sehr ruhig, während es in Deutschland viele Aufgeregtheiten gibt. Ökumene bedeutet weltweit denken und nicht nur national.

Frage: In der deutschen Öffentlichkeit wird die jüngste Enzyklika des Papstes zur Eucharistie eher negativ gesehen ˆ vor allem im Blick auf den Wunsch nach einem gemeinsamen Abendmahl. Als Präsident des Päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen haben Sie die weltweite Christenheit im Blick. Welche Bedeutung kommt der Enzyklika in der Ökumene beispielsweise mit den Orthodoxen Kirchen zu?

Kardinal Kasper: Die Reaktion der Orthodoxie ist sehr positiv. Dies ist verständlich, denn die katholische und die orthodoxe Position zur Eucharistie und zur so genannten Interkommunion sind faktisch identisch. Es gibt keine Kontroversen. Der Papst hat in der Enzyklika an mehreren Stellen den heiligen Kirchenlehrer Johannes Chrysostomus zitiert, der für die orthodoxen Christen im Eucharistieverständnis grundlegend ist. Die Orthodoxen haben manchmal den Verdacht, dass wir Katholiken die Eucharistielehre verwässern und sind dankbar, dass der Papst in seiner Enzyklika die Bedeutung der Eucharistie herausgestellt hat.

Frage: An der Basis, in den Pfarrgemeinden wird in der Ökumene oft schon praktiziert, was von offizieller Seite nicht oder noch nicht erlaubt ist. In nenne nur die gegenseitige Gastfreundschaft am Tisch des Herrn oder ökumenische Gottesdienste am Sonn- und Feiertagmorgen. Oft fehlt das Bewusstsein für das Trennende zwischen den Kirchen. Wie wird im Vatikan dieses Auseinanderdriften zwischen Lehramt und Kirchenvolk gesehen?

Kardinal Kasper: Die Basis ist keine einheitliche Größe. Es gibt Christen, die meinen, auf dem Weg zur Einheit weiter zu sein, und solche, die mit Sorge auf die ökumenische Entwicklung blicken. Von letzteren wäre ich froh, wenn sie schon so weit wären, wie es Papst Johannes Paul II. ist. Von einem wilden Ökumenismus halte ich gar nichts. Es ist eine schlechte Ökumene, wenn man Spaltungen und Trennungen in der eigenen Kirche verursacht, um der anderen Kirche näher zu kommen. Die Kirchen müssen sich als Ganzes bewegen. Dazu ist von allen Seiten Mut nötig.

Frage: Welchen Rat geben Sie konfessionsverbindenden(-verschiedenen) Ehepaaren im Bezug auf deren Gottesdienstpraxis und deren gemeinsames Glaubensleben?

Kardinal Kasper: Als erstes würde ich dem konfessionsverschiedenen oder konfessionsverbindenden Ehepaar den Rat geben, überhaupt religiös zu leben. Denn es gibt viele konfessionsverschiedene Ehepaare, die religiös mehr oder weniger gleichgültig leben und höchstens in die Kirche kommen, wenn die Oma gestorben ist. Wichtig ist zunächst einmal, dass sie sich überhaupt um das religiöse Leben mühen. Wenn sie sich mit ihrem Glauben auseinandersetzen, ist es Voraussetzung, sich über die Gemeinsamkeiten, aber auch über die Unterschiede auszusprechen. Da gibt es schon Ehepaare und Familien, die sich mühen und unter dem Trennenden leiden, dass sie nicht gemeinsam zum Tisch des Herrn gehen können. Ich rate durchaus, dass sie am Sonntag gemeinsam zum Gottesdienst und nicht getrennte Wege gehen. Der evangelische Partner kann ˆ und das ist eine Praxis, die ich oft in Skandinavien und in manch anderen Ländern angetroffen habe ˆ zum Altar kommen, die Hand aufs Herz legen und sich segnen lassen. Er wird nicht einfach ausgeschlossen von der Gemeinschaft. Wenn der katholische Partner zu den Evangelischen geht, könnte dies ebenso praktiziert werden. So wird es in vielen Ländern gehandhabt. Das ist eine Form, die wir schon heute praktizieren können und die ausdrückt, wie viel wir gemeinsam haben, auch wenn uns noch Wichtiges trennt. Wenn es wirklich eine schwere geistliche Not gibt und beide Partner den selben Glauben teilen, kann es im Einzelfall nach Absprache mit dem Seelsorger vor Ort möglich sein, dass der Partner zur katholischen Eucharistie hinzugeht.

Frage: Wie ist das bei einer Trauung konfessionsverschiedener Partner zu handhaben?

Kardinal Kasper: Offiziell ist eine gemeinsame Teilnahme am Tisch des Herrn nicht möglich, sie kann aber im Einzelfall stattfinden. Das muss der Pfarrer vor Ort besprechen und er muss schauen, dass kein Ärgernis in der Gemeinde entsteht. Grundvoraussetzung ist aber der gemeinsame Glaube. Die Partner müssen am Schluss des eucharistischen Hochgebetes, in dem auch für Papst und Bischöfe gebetet wird, gemeinsam ‘Amen’„ sagen können.

Frage: Dem einen Christen geht die Ökumene zu weit, andere Christen möchten schneller auf dem Weg zur Einheit der Christen vorankommen. Welchen nächsten Schritt empfehlen Sie den Christen in Deutschland?

Kardinal Kasper: Der nächste Schritt ist sicher der Ökumenische Kirchentag. Ich hoffe, dass dieser nicht zu vereinigten Frustrationen führt. Wir sollten in einer säkularisierten Welt gemeinsam mit Freude Zeugnis geben von dem, was uns verbindet. In der Ökumene sind sowohl Aktionen als auch Expertengespräche nötig. Herz und Mitte der Ökumene muss aber die geistliche Ökumene sein.

Frage: Warum ist es dem Papst und Ihnen so wichtig, dass Bischof Dr. Paul-Werner Scheele weiter weltweit in der Ökumene tätig ist?

Kardinal Kasper: Bischof Scheele hat eine unheimlich große Erfahrung auf diesem Gebiet. Er war schon als Professor und später als Bischof Jahrzehnte in der Ökumene tätig und das nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Wir sind dankbar, dass er weiterhin mit Rat und Tat in der Ökumene mitwirkt und wir auf seine großen Erfahrungen zurückgreifen können
URL: http://www.cardinalrating.com/cardinal_45__article_570.htm
Copyright © by www.cardinalrating.com