Hirtenbrief zum 60. Jahrestag der Pseudosynode von Lemberg von 1946
Mar 18, 2006
Wir veröffentlichen den Hirtenbrief, den Lubomir Kardinal Husar, Großerzbischof der mit Rom unierten griechisch-katholischen Kirche der Ukraine, zum 60. Jahrestag der so genannten Lemberger "Pseudosynode" im Jahr 1946 verfasst hat.
ROM, 16. März 2006 (ZENIT.org).- Auf dieser Synode, die auf Druck des kommunistischen Geheimdienstes zustande gekommen war, wurde die Union mit Rom für aufgelöst erklärt und die griechisch-katholischen Diözesen in die russisch-orthodoxe Kirche eingegliedert. Nur ein Teil der Kleriker und Laien schloss sich dieser Zwangsvereinigung an. Die anderen, soweit sie nicht in Vernichtungslagern umkamen, lebten ihren Glauben im Verborgenen und bildeten eine Untergrundkirche, der in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts zehn Bischöfe und mehrere hundert Priester, Mönche und Nonnen angehörten.
In seinem Schreiben erinnert der 73-jährige Großerzbischof von Kiew und Halytsch an die Zeit der Christenverfolgung und erklärt, dass die Kirche dank einer zweifachen Gabe Gottes überlebt habe, die auch heute noch "Garantie unseres künftigen Bestehens" seien: die Liebe zu Gott, zur Wahrheit und zur Kirche sowie die geschwisterliche Liebe.
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Seine Seligkeit Lubomir Kardinal Huzar
An die Gläubigen der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche
Anlässlich des 60. Jahrestages der Lemberger Pseudosynode
Meine Lieben in Christus!
Vor sechzig Jahren, am ersten Fastensonntag, wurde in der Erzbischöflichen Kathedrale des heiligen Georg in Lemberg eine Versammlung abgehalten, die bekannt wurde unter dem Begriff "Pseudosynode". Die Organisatoren dieser Versammlung hatten zum Ziel, unsere ukrainische griechisch-katholische Kirche zu vernichten. Nach gründlicher Vorbereitung haben die Machtorgane auf den Befehl Stalins eine kleine Anzahl griechisch-katholischer Priester zu einer "freiwilligen" Aussage gezwungen, in welcher sie auf die Einheit mit dem Apostolischen Stuhl und dem Nachfolger Petri verzichteten und sich dem Moskauer Patriarchat anschlossen. Diese Versammlung wurde unter Verletzung des Kirchenrechts abgehalten, keiner der Bischöfe der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche, und erst recht kein Metropolit, gab seinen Segen oder sein Einverständnis zu einer Synode oder zur Teilnahme daran (alle Bischöfe waren zu diesem Zeitpunkt verhaftet). Dass die Versammlung im Jahre 1946 illegitim war und dem Willen unseres Volkes widersprach, zeigte sich kurz danach sehr deutlich daran, dass unsere Kirche, obwohl sie jeden äußerlichen Merkmals beraubt war und unersetzliche Verluste durch die Verurteilung der meisten Geistlichen und gläubigen Laien erlitten hatte, ihre Existenz und Tätigkeit im Untergrund fortsetzte bis Ende der 80er Jahre, als sie wieder öffentlich in Erscheinung trat.
Liebe Mitbrüder im Bischofsamt, liebe Priester, Ordensangehörige und Mitarbeiter, viele von Euch haben dieses Leben im Untergrund miterlebt, welches der römischen Christenverfolgung am Anfang des Christentums ähnelte. Heute möchte ich Euch allen herzlich danken dafür, dass Ihr Eurer Glaubensüberzeugung die Treue gehalten habt, dass Ihr Euch nicht habt belügen lassen und dass Ihr nicht vom rechten Weg abgekommen seid. Ich fordere Euch auch dazu auf, die Bekenner unseres Glaubens und die Märtyrer für unseren Glauben, die bekannten und die unbekannten, welche ihr Leben für den Glauben hingegeben haben, würdig zu ehren. Obwohl unsere menschliche Ehrerweisung nur ein winzig kleiner Abglanz der Belohnung ist, die unser Herr seinen treuen Kindern gibt, bringen auch wir unseren menschlichen Dank und unsere Anerkennung dar.
Heute stellen wir uns die Frage: Wie ist es unserer Kirche gelungen, diese schweren Jahre zu überleben? Es wäre eine Anmaßung zu sagen, dass wir dies durch unsere menschliche Anstrengung erreicht hätten. Unsere Kirche überlebte dank einer zweifachen Gabe Gottes: die erste Gabe – das ist die Liebe zu Gott, zur Wahrheit und zu unserer Kirche; die zweite Gabe – das ist die geschwisterliche Liebe, gegenseitiges Vertrauen und Unterstützung. Darin, meine lieben Mitchristen, besteht auch die Garantie unseres künftigen Bestehens und des Wachstums unserer Kirche. Es ist auch eine Lehre für uns, die wir von unseren verfolgten Großvätern und Vätern bekommen haben, welche unter den Verfolgungen unsere Kirche und unsere geistigen Schätze zu bewahren vermochten.
Unsere Aufgabe heute besteht darin, dass wir Gottes Wahrheit die Treue bewahren und leben wie die Kinder Gottes, in Liebe und Ehrfurcht voreinander, einig miteinander und vereint mit unserem himmlischen Vater, wie es Jesu Worten entspricht: "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt, und ich in ihm, - der bringt reiche Frucht" (Joh. 15,5). Unserem Herrn, der uns in diesen so kritischen Zeiten rettete und uns damit lehrte, wie wіr heute unser Leben gestalten sollen, singen wir einen großen Hymnus der Wahrheit und des Lobes und des Dankes!