Kardinal Jean-Pierre Ricard in Wittenberg: Der Beitrag der römisch-katholischen Theologie zur Ökumene
Feb 19, 2007
„Bezeugen, dass Christus Licht, friedvolle Macht und Kraft der Erneuerung ist für alle Menschen“
WITTENBERG, 19. Februar 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen den Vortrag, den Kardinal Jean-Pierre Ricard, Erzbischof von Bordeaux, am Freitag beim Ökumenischen Europäischen Kongress in Wittenberg gehalten hat.
Kardinal Ricard, der auch Vize-Präsident des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) ist, ging auf den Beitrag der römisch-katholischen Theologie zur ökumenischen Bewegung ein und beleuchtete dabei insbesondere den Gedanken der Kirche als Gemeinschaft.
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DER BEITRAG DER RÖMISCH-KATHOLISCHEN THEOLOGIE
ZUR ÖKUMENISCHEN BEWEGUNG
Wittenberg – Freitag, 16. Februar 2007
Ich wurde gebeten, Ihnen heute Abend etwas über den Beitrag der römisch-katholischen Theologie zur ökumenischen Bewegung zu erzählen. Natürlich ist es nicht möglich, im Rahmen einer Viertelstunde einen ausführlichen und präzisen Vortrag zu halten. Ich möchte mich deshalb dem Thema von einer Seite her nähern, die mir grundlegend scheint und die ich hier kurz skizzieren möchte: die Reflexion der Kirche als Gemeinschaft. Gleich zu Anfang können wir festhalten, dass auch andere christlichen Kirchen diese theologischen Gedanken kennen (ich denke dabei insbesondere an Zizioulas und Moltmann). Im Hinblick auf die katholische Kirche ist allerdings erstaunlich, welche Wirkung diese theologische Reflexion auf die Gemeinschaft hatte: in der Erneuerung ihrer eigenen Ekklesiologie und ihrem ökumenischen Engagement.
Die Bedeutung des communio-Gedankens in der römisch-katholischen Kirche
Die Reflexion über die Kirche als Gemeinschaft wurde von zahlreichen Theologen verfolgt. Es seien hier nur die bekanntesten unter ihnen genannt: de Lubac, Congar, Hamer, Tillard, Kasper und – in der einen oder anderen seiner Schriften – selbst Kardinal Ratzinger, der heutige Papst Benedikt XVI. Auch in den Dokumenten des Zweiten Vatikanischen Konzils ist dieser Gedanke oft anzutreffen. Das Konzil zitiert den Begriff „Gemeinschaft“ rund achtzig Mal, das ist selbstverständlich kein klares Indiz für eine Theologie, die auf der Gemeinschaft aufbaut. Trotzdem ist dieser Begriff Herzstück des konziliaren Gedankens. 1985, zwanzig Jahre nach dem Ende des Konzils, hält die außerordentliche Bischofssynode in Rom, die zusammengekommen war, um die Konzilstexte und ihre Umsetzung in der Kirche neu zu reflektieren, in ihrem Abschlussdokument fest: „Die communio-Ekklesiologie ist der zentrale und grundlegende Gedanke der Konzilsdokumente“ (II, C, 1).
Dieses Konzept bietet also einen Interpretationsschlüssel für die konziliaren Texte, insbesondere für die Konstitution über die Kirche Lumen gentium und das Dekret über den Ökumenismus Unitatis redintegratio.
Vor dem Konzil war die Lehre der Kirche vor allem durch einen juristischen und institutionellen Ansatz geprägt, der die hierarchische Struktur und die Ausübung ihrer Autorität betonte. Der Begriff der Gemeinschaft lässt einen anderen Zugang zu – einen Zugang, der verstärkt biblisch, theologisch, spirituell, missionarisch ist. Kurz: Communio steht für eine dynamische, sich in Bewegung befindende Wirklichkeit.
Die verschiedenen Schwingungen einer Kirche als Gemeinschaft
Was möchten wir ausdrücken, wenn wir in der Betrachtung von Gottes Plänen bekräftigen, dass die Kirche Gemeinschaft ist? Welche Veränderungen, welche Haltung hat dies zur Folge? Und welches sind die Auswirkungen auf die Ökumene?
Folgende vier grundlegende Punkte gibt es:
1) dass die Kirche ihren Ursprung in der dreifaltigen Gemeinschaft selbst hat.
Der Vater, durch seinen Sohn und im Geist, möchte sein Leben den Menschen mitteilen. Er lädt sie ein, in die Gemeinschaft der Liebe einzutreten, an seinem Tisch Platz zu nehmen, an der Hochzeit des Lammes teilzunehmen. Das dreifaltige Leben ist ihrem Wesen gemäß Gemeinschaft (communio) und Austausch (Kommunikation): Gemeinschaft der drei göttlichen Personen, die die Einheit in der göttlichen Natur und die Verschiedenheit zwischen den Personen vereint; und Austausch mit den Menschen dieser Gemeinschaft. Oder wie Johannes in seinem ersten Brief schreibt: „Was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus“ (1 Joh 1,3).
Die Gemeinschaft aller Menschen mit Gott und in Gott entspricht der tiefen Natur des Menschen, der nicht dafür geschaffen ist, um alleine zu leben. Dieser menschlichen Natur entsprechend wird das Heil in der Gemeinschaft weitergegeben. Das Zweite Vatikanische Konzil schreibt: „Gott hat es aber gefallen, die Menschen nicht einzeln, unabhängig von aller wechselseitigen Verbindung, zu heiligen und zu retten, sondern sie zu einem Volke zu machen, das ihn in Wahrheit anerkennen und ihm in Heiligkeit dienen soll. (…) Gott hat die Versammlung derer, die zu Christus als dem Urheber des Heils und dem Ursprung der Einheit und des Friedens glaubend aufschauen, als seine Kirche zusammengerufen und gestiftet, damit sie allen und jedem das sichtbare Sakrament dieser heilbringenden Einheit sei“ (Lumen gentium, 9).
Die Kirche ist also der Ort, wo das Leben als Söhne und Töchter, dieses Geschenk Gottes, für all jene, die bereit sind, es aufzunehmen, Gestalt annimmt. Selbstverständlich kann man die Kirche unter menschlichen, sozialen, historischen und kulturellen Gesichtspunkten analysieren, aber man erfasst sie nicht in ihrer ganzen Wirklichkeit (in ihrem „Mysterium“), wenn man sich auf diese Kriterien beschränkt. Die Kirche hat auch eine spirituelle und sakramentale Wirklichkeit. Das Zweite Vatikanische Konzil drückt es so aus: „(…) Die irdische Kirche und die mit himmlischen Gaben beschenkte Kirche sind nicht als zwei verschiedene Größen zu betrachten, sondern bilden eine einzige komplexe Wirklichkeit, die aus menschlichem und göttlichem Element zusammenwächst“ (Lumen gentium, 8). Es ist wichtig, diesen Aspekt des Glaubens immer auf die kirchliche Wirklichkeit zu übertragen.
2) dass diese Gemeinschaft eine Gabe Gottes ist, dass es anzunehmen gilt, und eine Aufgabe, die erfüllt werden will.
Wenn also das göttliche Leben der kirchlichen Gemeinschaft zugrunde liegt, dann ist die Kirche nicht ein Werk der Menschen, das steht und fällt mit guter Disziplin, qualitativ hoch stehenden Veranstaltungen, klug ausgehandelten Kompromissen; die Kirche ist eine Gnade, die wir von Gott erflehen, ein Akt und eine Frucht des Geistes, den wir in unseren Gebeten inständig bitten, im aufmerksamen Hören auf die Schrift, in der Feier der Sakramente und insbesondere der Eucharistie. In der Eucharistie kommt Christus zu uns, sammelt uns, spricht zu uns, er lädt uns ein, unser Leben wie er und in ihm hinzugeben. Und in dem Maße, wie wir mit ihm, mit seinem eucharistischen Leib, eins werden, macht er uns zu Gliedern seines Leibs, seiner Kirche. Es ist bemerkenswert, dass die eucharistische Gemeinschaft und die kirchliche Gemeinschaft bei Paulus eng zusammen gehören: „Der gesegnete Kelch, den wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? Denn ein Brot ist's: So sind wir viele ein Leib, weil wir alle an einem Brot teilhaben“ (1. Kor 10,16-17). Und Augustinus sagt zu den Neugetauften: „Wenn ihr also Leib und Glieder Christi seid, dann liegt euer Geheimnis auf dem Tisch des Herrn: Euer Geheimnis empfangt ihr. Zu dem, was ihr seid, antwortet ihr Amen. Diese Antwort ist eure Unterschrift. Du hörst: Leib Christi, und antwortest: Amen. Sei ein Glied am Leib Christi, damit dein Amen wahr sei! (…) Seid, was ihr seht, und empfangt, was ihr seid“ (Sermon 272).
Diese Gemeinschaft müssen wir uns jedoch zueigen machen. Sie muss in uns wohnen, uns verwandeln, uns jene Geschwisterlichkeit in Christus leben lassen, die uns offen und unvoreingenommen auf die anderen zugehen lässt, die uns wissbegierig und versöhnlich macht, die in uns den Wunsch weckt, die Angst vor dem Fremden zu überwinden. Die Gemeinschaft bringt uns dazu, uns gegenseitig zu entdecken, miteinander im Gespräch zu bleiben, zu reflektieren, Wunden in uns zu heilen, zu verzeihen. Die Gemeinschaft ist eine Aufgabe, die erfüllt werden will, ein Stoff, der immer weiter gewoben wird. Wenn wir diese Gabe annehmen und die Gemeinschaft verwirklichen, können wir uns vorstellen, welche Auswirkungen dies auf den geistigen Ökumenismus haben kann.
Schließlich ist es der Herr der Meister der Gemeinschaft, wir sind nur Diener. Wir sollten uns nicht von Zweifeln oder Mutlosigkeit heimsuchen lassen, wenn die Aussicht auf die vollkommene Einheit hinter dem Horizont zu verschwinden droht. Als Diener haben wir nur die Aufgabe, den Weg mitzugehen, den wir heute gemeinsam zu gehen gerufen sind.
3) dass die Kirche dazu gerufen ist, diese Dynamik der Gemeinschaft niemals auf sich selbst zu beschränken.
Die Gemeinschaft, die von Gott kommt, ist offen für alle. Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes „katholisch“, offen für das Universelle. Sie muss die Einheit in der Vielfalt verwirklichen, indem sie sich für alle öffnet. Diese Gemeinschaft wird im Schoß der lokalen Kirche gelebt – mit unterschiedlichen Aufgaben, Charismen, menschlichen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Unterschieden, die diese Kirche ausmachen. Diese Arbeit für die Einheit ist ohne Unterhalt und immer wieder aufs Neue zu tun – und zwar mit Blick auf die Menschen, die dieser Kirche an die Seite gestellt wurden. Eine lokale Gemeinde sollte sich niemals in sich selbst zurückziehen, sie soll vielmehr offen bleiben für andere Kirchen vor Ort, für die ganze Welt. In der katholischen Theologie ist es das Bischofskollegium – an der Spitze der Bischof von Rom, das die Anliegen dieser Gemeinschaft, dieser weltumspannenden Geschwisterlichkeit, dieser grenzenlos solidarischen Gemeinde, mit sich tragen oder besser: das darauf achtet, dass diese Anliegen von allen lokalen Kirchen getragen werden. Jede Kirche wird durch den Glauben und das Zeugnis der anderen Kirchen bereichert.
Diese Dynamik der Gemeinschaft drängt die katholische Kirche, die volle Gemeinschaft mit den anderen Kirchen zu suchen. Selbst wenn sie denkt, dass sie in sich alle Mittel der Gnade trägt, die sie die Gemeinschaft in Christus wahrhaftig erfahren lassen, ist sie sich doch bewusst, dass ihre Wahrnehmung der Wahrheit durch andere bereichert werden kann; durch Schwestern und Brüder im Glauben, die aus der selben Taufe leben, in denen der selbe Geist wohnt, durch die anderen christlichen Kirchen, die manchmal besser als sie selbst den einen oder anderen Aspekt der Offenbarung oder der christlichen Erfahrung in ihren Glauben integriert haben. Wenn die Schwester oder der Bruder mir im Dialog nichts geben kann, besteht die Gefahr eines verdeckten Proselytentums.
Wir befinden uns in einer Zeit, in der unsere Gesellschaften und unsere Kirchen die Notwendigkeit spüren, ihre eigene Identität neu zu definieren. In welchem Klima sollte diese Neuorientierung stattfinden? In einem Klima des Vertrauens oder des Misstrauens? Im Rahmen der Vollversammlung des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen im November 2006 sprach Kardinal Kasper die Frage an, was unter Identität zu verstehen ist. Er sagte: „(Ist sie) eine ängstlich in sich verschlossene, defensive, auf Abgrenzung bedachte Einstellung oder eine offene Identität, die sich bewusst ist, dass man Identität grundsätzlich nur in Kommunikation, Begegnung, Austausch und d.h. im Dialog mit anderen haben kann. Dialog heißt ja nicht, die eigene Position aufzugeben, sich auf dem niedrigsten gemeinsamen Nenner zu treffen und so ärmer zu werden, sondern die eigene Identität im Austausch mit anderen bereichern, wachsen und reifen zu lassen. (…) Dialog will also nicht verarmen, er kann und will bereichern.“
4) dass die Kirche grundsätzlich eine missionarische Gemeinschaft ist.
Die Kirche, die diese universelle Gemeinschaft Gottes mit den Menschen verkündet und die – weil wir alle Kinder des selben Vaters sind – zur Geschwisterlichkeit einlädt, muss etwas von dieser Gemeinschaft, die von Gott kommt, sichtbar und erlebbar machen. Ist sie nicht das Zeichen und das Sakrament dieser Einheit der Menschen? Ich denke, dass die ökumenische Geschwisterlichkeit im Streben nach der Wahrheit, im gemeinsamen Zeugnis des Evangeliums, im konkreten Engagement und Dienst am Mitmenschen, das Zeichen ist, das wir heute mehr denn je brauchen – das Zeichen, das Gott in unserer Welt am Werk ist. Damit wir auf das Gebet Jesu antworten können: „Wie du mich gesandt hast in die Welt, so sende ich sie auch in die Welt. Ich heilige mich selbst für sie, damit auch sie geheiligt seien in der Wahrheit.“ (Joh 17,21)
In einer Welt, in der oft wenig Grund zur Hoffnung besteht, wo sich Gewalt durchzusetzen scheint, wo der europäische Prozess zu stagnieren droht, wo unzählige Jugendliche Orientierung suchen, sind die Christen und die europäischen Kirchen gerufen, durch ihr Wort und ihre Taten, durch ihre Arbeit für Versöhnung und Einheit, zu bezeugen, dass Christus Licht, friedvolle Macht und Kraft der Erneuerung ist für alle Menschen. Möge unser nächstes ökumenisches Treffen in Sibiu wirkungsvoll dazu beitragen.
Card. Jean-Pierre RICARD
Erzbischof von Bordeaux
Vize-Präsident von CCEE
[Von der Deutschen Bischofskonferenz zur Verfügung gestellte deutsche Übersetzung]