Leo Cardinal Scheffczyk † Leo Cardinal Scheffczyk †
Function:
Professor, Ludwig Maximilian University of München
Title:
Cardinal Deacon of San Francesco Saverio alla Garbatella
Birthdate:
Feb 21, 1920
Country:
Germany
Elevated:
Feb 21, 2001
More information:
www.catholic-hierarchy.org, www.leo-cardinal-scheffczyk.org
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German Ein Mann der Kirche von seltenem Format
Dec 15, 2005
Die Biografie des herausragenden Mariologen Leo Kardinal Scheffczyk weist Ähnlichkeiten mit der von Kardinal Newman auf

(DT vom 13.12.2005) Am Donnerstag wird der Münchner Dogmatiker Leo Kardinal Scheffczyk, der dieser Zeitung jahrelang als Autor verbunden war, in Bregenz beigesetzt. Auf die Frage: "Freuen Sie sich auf den Himmel?" hatte er vor zwei Jahren geantwortet: "Der Christ, dem sich im Glauben eine solche Zukunftsperspektive eröffnet, kann darüber nur tiefe geistliche Freude empfinden. Diese aber ist im irdischen Zustand eingefügt in die umfassendere Tugend der Hoffnung. Auch die Freude muss von der Hoffnung getragen und durchdrungen sein, da uns keine absolute Heilsgewissheit gegeben ist." (Entschiedener Glaube - befreiende Wahrheit. Ein Gespräch über das Katholische und die Kirche mit Peter Christoph Düren, Buttenwiesen, 2003).

Der Autor des folgenden Beitrags, ein Schüler des verstorbenen Kardinals, würdigt das theologische Werk seines Lehrers:

Am Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria verstarb am vergangenen Donnerstag in seiner Wohnung in München Kardinal Leo Scheffczyk im Alter von fünfundachtzig Jahren. Kaum überschaubar ist die Fülle an wissenschaftlichen Aufsätzen und theologischen Betrachtungen, die der Gelehrte dem Mariengeheimnis im Laufe seines langen Lebens gewidmet hat. Hier sollen nur die für einen weiteren Leserkreis geschriebene Marienkunde "Maria. Mutter und Gefährtin Christi" (2003) und die von Anton Ziegenaus unter dem Titel "Die Mariengestalt im Gefüge der Theologie" (2000) zusammengestellten wichtigsten wissenschaftlichen Beiträge Scheffczyks zur Mariologie erwähnt werden. Allein die Herausgeberschaft des monumentalen achtbändigen "Marienlexikons" (1988 - 1994), zusammen mit Remigius Bäumer, hätte dem Theologen Scheffczyk einen Ehrenplatz unter den herausragenden Mariologen des zwanzigsten Jahrhunderts gesichert.

Eine Arbeit zur Marienlehre steht auch am Anfang der Universitätslaufbahn des am 21. Februar (dem Geburtstag John Henry Newmans) 1920 in Beuthen geborenen Oberschlesiers. Bei Michael Schmaus in München habilitierte sich Scheffczyk 1957 mit der Studie "Das Mariengeheimnis in Frömmigkeit und Lehre der Karolingerzeit". Der Titel macht bereits darauf aufmerksam, wie wichtig Scheffczyk auch die gelebte Marienfrömmigkeit nahm. Sowohl die theologische Reinigung der Marienfrömmigkeit als auch das Wissen um die Bedeutung der Impulse der Verehrung der Gottesmutter für die Mariendogmen kennzeichnen seine theologischen Beiträge. "Durch diese notwendige Vermittlung von Theologie und Marienfrömmigkeit hat sich Leo Scheffczyk im Bewusstsein um diese fruchtbare Spannung hohe Verdienste erworben" (Anton Ziegenaus).

Im gleichen Jahr wie Scheffczyk habilitierte sich ebenfalls bei Schmaus in München Joseph Ratzinger. Als junger Wissenschaftler begann Leo Scheffczyk seinen akademischen Weg noch im so genannten marianischen Jahrhundert der Theologie, das zwischen der 1854 definierten Unbefleckten Empfängnis und der Dogmatisierung der Aufnahme Mariens in den Himmel 1950 angesiedelt wird. Für den Verstorbenen waren diese Dogmen ein "marianischer Aufbruch" der Theologie und das Geheimnis seines Sterbetages hat er folgendermaßen gedeutet: "Diese Wahrheit meint nicht nur negativ das Bewahrtwerden vor der Erbschuld, sondern sie vertritt positiv die ursprüngliche Heiligung Marias und die Überkleidung mit der Gnade Gottes im Hinblick auf ihre Aufgabe als Mutter Gottes und durch die im voraus geschehene Zuwendung der Erlösungsfrüchte Jesu Christi."

Von Kardinal Faulhaber 1947 in Freising zum Priester geweiht, waren die Stationen des theologischen Lehrers Scheffczyk zunächst Dozentenjahre in Königstein im Taunus, dann eine erste Professur für Dogmatik an der Universität Tübingen und schließlich ab 1965 die Ludwig-Maximilians-Universität in München. Bis zu seiner Emeritierung 1985 lehrte Scheffczyk in München katholische Dogmatik als Nachfolger seines Lehrers Michael Schmaus. Er war Mitherausgeber des "Handbuchs der Dogmengeschichte" und Berater der Glaubenskommission der Deutschen Bischofskonferenz (1970 - 1985). Der theologische Denker Leo Scheffczyk ist weit mehr als ein Spezialist für Mariologie. Immer hatte er die organische Ganzheit des Glaubens der Kirche, das Wesen des Katholischen im Blick. Er war, wie er selbst sagte, "von der Wirklichkeit der Catholica und ihrer Tiefe ähnlich beeindruckt, wie es Paulus seiner Gemeinde empfiehlt: ,die Länge und die Breite, die Höhe und die Tiefe zu ermessen und die Liebe Christi zu verstehen, die alle Erkenntnis übersteigt (Eph 3, 18f)".

Bekannter und begehrter als Scheffczyk waren zumal in der nachkonziliaren Ära "kritische Theologen", die mit Gespür für medien- und publikumsgerechte Themen Aufsehen erregten. Die innere Stimmigkeit des katholischen Lehrgebäudes aus Interesse an der Wahrheit verstehen zu lernen, war wenig gefragt. Davon unbeirrt erkannte Scheffczyk angesichts der Krise von Glaube und Kirche seinen Auftrag, dem er bis zu seinem Tod in Vorlesungen, Vorträgen, Aufsätzen und Buchveröffentlichungen treu geblieben ist: Entgegen allen "auseinanderstrebenden Tendenzen so etwas wie eine ,intellektuelle Anschauung vom Katholischen zu vermitteln, in der dessen Identität dem Gläubigen bewusst werden kann. Sie ist dem Newmanschen Folgerungssinn ähnlich, der alle Gründe in einem Punkt zweifelsfreier Gewissheit sammelt und so in allen Umschwüngen des geschichtlichen Wandels maßstäblich und maßgeblich bleibt."

Das unspektakuläre Gelehrtenleben eines Hieronymus im Gehäuse war die äußere Form dieser Herkulesaufgabe. Ein ungemein scharfer Verstand und die Gabe, treffend, geschmeidig und sehr verständlich formulieren zu können, waren die Mittel zu seiner Verwirklichung. Überzeugungskraft gewann dieser Auftrag durch das bescheidene und anspruchslose Auftreten eines liebenswürdigen Priesters, der Zeit seines Lebens als Seelsorger ein Münchner Altenheim betreute.

Nicht nur im Klären des Zueinanders von Glaube und Vernunft, Kirche und moderner Welt, Tradition und Fortschritt liegen die Gemeinsamkeiten mit John Henry Newman (1801 - 1890). Es gibt darüber hinaus auch biographische Parallelen. Wie Newman wurde Leo Scheffczyk im hohen Alter vom Papst zum Kardinal ernannt. Am 21. Februar 2001, seinem 81. Geburtstag, empfing Scheffczyk aus der Hand von Johannes Paul II. auf dem Petersplatz in Rom Ring und Birett als Zeichen seiner neuen Würde. Eine Bischofsweihe schloss Scheffczyk für sich aus, denn er wollte sich "dem nun schon (seit John Henry Newman, dem 78-jährigen zum Kardinal ernannten Theologen) eingehaltenen Brauch anschließen, dass diejenigen, die als Theologen oder wegen der Theologie ernannt werden, in ihrem Stand verbleiben".

Dank seiner Beheimatung in der Gemeinschaft "Das Werk" konnte Scheffczyk den vielfältigen Beanspruchungen, die das von ihm eher zögerlich angenommene Kardinalat mit sich brachten, mit Elan und Freude bewältigen. Fünf Jahre, die ihren Höhepunkt zuletzt mit dem Tod von Johannes Paul II. und der Wahl des früheren deutschen Dogmatikprofessors und Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre Joseph Ratzinger zum Papst gefunden haben, waren Kardinal Scheffczyk geschenkt, um seinen Dienst im erweiterten Horizont der Weltkirche zu versehen. Er selbst deutete - wie immer ohne sich dabei besonders herauszustellen - sein Verständnis dieser Würde konsequent als Fortsetzung seiner bisherigen Lebensaufgabe: "Damit kann ich den an der lebendigen Tradition Halt suchenden Christen vielleicht eine gewisse Hilfe bieten und in der desorientierten Zeit ein wenig Orientierung geben, um die positiven Kräfte in der um ihre Identität ringenden Kirche zu unterstützen."

Im Wappen führte der Kardinal ein Herz - wie Kardinal Newman - und sein Wahlspruch enthielt sein Lebensprogramm, das die Kirche mit der hohen Würde anerkannt und als fruchtbringend gewürdigt hat: "Den unergründlichen Reichtum Christi verkündigen" (Eph 3, 8). In einer Zeit, in der Theologen in Darstellungen der kirchlichen Glaubenslehre das Wort "katholisch" bewusst vermieden haben, veröffentlichte Scheffczyk seine "Katholische Glaubenswelt. Wahrheit und Gestalt" (1977), eine Gesamtschau, die dem Leser die Schönheit der katholischen Glaubenswelt erschließt. Heilsrealismus, das personale Gegenüber in Gott und Christus und das Mysterium als Charakteristikum der katholischen Glaubensverfassung sind dabei die wesentlichen Grundprinzipien. Dem innerkirchlichen Pluralismus und der schleichenden Auflösung der Glaubenslehre unter dem Primat der vielbeschworenen Pastoral setzte Scheffczyk seine zusammen mit Anton Ziegenaus verfasste achtbändige "Katholische Dogmatik" (1996 - 2003) entgegen.

Den Gegnern eines verbindlichen Offenbarungsglaubens, die jedes Festhalten an einem Wahrheitsanspruch als intolerante Absolutsetzung des kirchlichen Machtanspruchs verurteilen, antwortete er sachlich: "Indessen beruht die Anerkennung des Dogmas auf einer freien Entscheidung des Menschen für den Glauben der Kirche. An dieser Freiheit partizipiert auch die Übernahme einer aus dem Schatz der Offenbarung erhobenen und von der Kirche vorgelegten Wahrheit, die auch immer der Vernunft entsprechend ist, selbst wenn sie die Vernunft übersteigt. Dem Vorwurf mangelt es an Verständnis für das Wesen des Glaubens, der Bindung in Freiheit bedeutet."

In dem Interview-Buch "Entschiedener Glaube - befreiende Wahrheit" (2003) ging Scheffczyk auf Fragen von Peter Christoph Düren zu allen großen Themen der Glaubenslehre ein. Ein gut lesbarer Katechismus in klassischer Frage- und Antwortform ist dabei herausgekommen. Eine vollständige Bibliographie der Veröffentlichungen des Kardinals bis 1985 enthält die Festschrift zu seinem fünfundsechzigsten Geburtstag "Veritati Catholicae" (herausgegeben von Anton Ziegenaus, Franz Courth und Philipp Schäfer) - die beeindruckende Liste der Publikationen wird auf der Homepage von Kardinal Scheffczyk bis ins Jahr 2005 lückenlos fortgesetzt.

Das Themenspektrum des mehr als achtzig Buchveröffentlichungen und über eintausend Aufsätze umfassenden Gesamtwerkes des Verstorbenen reicht von der Bibel - über die Dogmenhermeneutik, die Schöpfungslehre, die Christologie, die Ekklesiologie, das Petrusamt und das Priesteramt über die gesamte Sakramentenlehre bis zur Gnadenlehre. Gerade als Kenner der katholischen Gnadenlehre war Scheffczyk der profilierteste katholische Kritiker der umstrittenen "Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre", die 1999 von Lutheranern und katholischer Kirche in Augsburg unterzeichnet wurde. Seine Verteidigung der seinshaften Realität der "geschaffenen Gnade" hat so manchem Theologen erst wieder das Wesensverständnis der Gnade nahe gebracht.

Daneben lautet der nach wie vor gültige grundsätzliche Einwand des Kardinals, der aus der Gesamtansicht des katholischen Glaubensverständnisses erwächst: Problematisch ist "die evangelische Auffassung, dass die Rechtfertigung das einzige Prinzip der Glaubenswahrheit und -wirklichkeit ist, nach dem das Ganze der christlichen Lehre auszurichten und alles andere an diesem einzigen Maßstab zu messen ist. Dem kann die katholische Kirche nicht zustimmen, weil sie sich als gottgesetzte, von Christus im Heiligen Geist geschaffene Vermittlerin der Gnade weiß, ohne welche (von Ausnahmenfällen abgesehen) Rechtfertigung gar nicht zustande kommen kann." Grundsätzlich abgelehnt hat Scheffczyk die ökumenische Zielvorgabe des so genannten "differenzierten Konsenses", weil er sie als Preisgabe des Zieles einer wirklichen Einheit durchschaut hat. In einem Aufsatz über die Konversion von John Henry Newman von 1996 hat Scheffczyk ein treffliches theologisches Profil des englischen Kardinals gezeichnet, das man ebenso gut auf ihn selbst anwenden kann:

"Bei allen Enttäuschungen, die er erfuhr, wusste er zwischen der übernatürlich-mystischen Wirklichkeit der Kirche und ihrer äußeren menschlichen Gestalt zu unterscheiden. Zugleich erschien ihm die innere Herrlichkeit der Kirche so groß, dass er sich nicht anmaßte, diese Größe einfach in die irdische Gestalt der Kirche einfassen zu können und eine Kirche sine macula et ruga heraufführen zu können. Seine Sehnsucht war größer als die begrenzte irdische Wirklichkeit der Kirche. Dass er aber nicht nachließ, das Ideal der Kirche innerhalb der irdischen Schwächen und Grenzen zu verwirklichen, macht das Format eines wirklichen Kirchenmannes aus, einer anima ecclesiastica, die auch in der gegenwärtigen Situation der Kirche Vorbild sein kann."

Autor: VON MICHAEL KARGER
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