"Wiedergeburt der Kirche in Weißrussland"
Oct 25, 2004
Am 21. Oktober 2004 wird Kardinal Kazimierz Swiatek, Erzbischof von Minsk – Mohilev und Bischof von Pinsk in Weißrussland 90 Jahre alt. Aus Anlass seines Geburtstages gab Kardinal Swiatek „Kirche in Not“ ein Exklusivinterview.
Kirche in Not: Eminenz, Sie haben einmal die geistige Verwüstung, den Notstand der Seelen als die schlimmste Folge der kommunistischen Diktatur bezeichnet. Wie ist die Lage in Weißrussland heute, dreizehn Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion?
Kardinal Swiatek: 70 Jahre unter einem kommunistischen, atheistischen Regime haben in den Seelen der Menschen eine geistige Leere hinterlassen. Man hat versucht, den Menschen Gott und den Glauben wegzunehmen. Statt dessen hat man den Leuten etwas gegeben, von dem sie wussten, dass es nicht die volle Wahrheit ist und dass sie es nicht brauchen. Der Untergang der Sowjetunion war der Beginn großer Veränderungen: Die Christenverfolgung nahm ein Ende, konfisziertes Kircheneigentum wurde zurückgegeben und Genehmigungen zum Neubau von Kirchen erteilt. Man erlaubt Kindern und Jugendlichen heute wieder, in die Kirche zu gehen und den Religionsunterricht zu besuchen. Auch die atheistische und antireligiöse Propaganda ist nun abgeschafft. Es herrscht zumindest eine relative Religionsfreiheit.
Kann man berechtigterweise von einer Wiedergeburt der Kirche sprechen?
In Weißrussland kann man in der Tat eine Widergeburt der katholischen Kirche feststellen. Man hat etliche neue Kirchen gebaut, die Anzahl der Priester ist gestiegen. Besonders durch eine beträchtliche Zahl polnischer Geistlicher ist eine kirchliche Hierarchie entstanden: Es gibt vier Diözesen, mit vier Bischöfen und einem Kardinal. Es gibt eine katholische Bischofskonferenz Weißrusslands und zwei Priesterseminare mit über 100 Studenten. Die Teilnahme junger Menschen an Gottesdiensten ist groß. Auch junge Gläubige empfangen häufig die Sakramente, insbesondere Beichte und Eucharistie. Der Religionsunterricht findet auf breiter Basis in den Pfarreien statt. Eine kirchliche Presse und auch ein katholischer Verlag ist vorhanden. Diese positiven Entwicklungen sind Anzeichen für eine Wiedergeburt der Kirche in Weißrussland.
Gibt es auch heute noch Hindernisse, denen die Kirche seitens der staatlichen Behörden ausgesetzt ist?
Weißrussland hat unlängst ein neues Gesetz über die religiösen Bekenntnisse und Gruppierungen verabschiedet. Leider bringt dieses in einigen Aspekten Beschränkungen bei religiösen Aktivitäten mit sich. So ist etwa eine Registrierung von Pfarrgemeinden vorgeschrieben und auch eine Visumspflicht für Priester aus dem Ausland. Diese müssen ihre Aufenthaltsgenehmigungen jedes Jahr erneuern lassen. In letzter Zeit kam es daher fast zum Erliegen der Einreise von ausländischen Geistlichen. Dem Anschein nach soll dieses Gesetz die Beziehungen zwischen Staat und Kirche normalisieren, allerdings so, wie es dem Staat genehm ist, nicht unbedingt der Kirche.
Immer wieder hört man aus Ländern Osteuropas und der ehemaligen Sowjetunion, dass der frühere, vom Kommunismus ausgehende theoretische Atheismus in den letzten Jahren lediglich durch einen vom westlichen Materialismus beeinflussten praktischen Atheismus abgelöst worden sei. Was meinen Sie zu dieser These?
Weißrussland ist nun befreit vom theoretischen Atheismus, aber immer öfter spüren wir den Einfluss des westlichen Materialismus. Und dadurch entsteht die Möglichkeit eines Übergangs zum praktischen Atheismus. Wir halten dem aber noch stand, weil wir in der religiösen Tradition stark verwurzelt sind. Die christlichen Wurzeln sind nicht so einfach zu beseitigen. Daher stößt der Einfluss des Westens auf Widerstand und ist nicht allzu groß. Es gibt also berechtigte Hoffnung für die Zukunft der Kirche.
Wie sind die Beziehungen zwischen katholischer und orthodoxer Kirche in Weißrussland?
Von offizieller Seite her sind diese Kontakte normal. Die nach der Wende zu beobachtende Annäherung ist mittlerweile leider zum Stillstand gekommen. Normalerweise reagieren heute orthodoxe Geistliche nicht mehr auf Einladungen durch katholische Priester. In seltenen Ausnahmefällen allerdings, besuchen auch jetzt noch orthodoxe Kleriker bei Feierlichkeiten auch einmal eine katholische Kirche.
Welche Bedeutung hat die Unterstützung seitens der Weltkirche für die Kirche in Weißrussland? Und welches sind die Prioritäten für die nächsten Jahre in den beiden Ihnen anvertrauten für Diözesen?
Angesichts der schwierigen Wirtschaftslage in Weißrussland und der großen Armut weiter Teile der Bevölkerung, auch der Katholiken, haben wir es sehr schwer mit dem Unterhalt von Kirchen, Priestern, Pfarrgemeinden, Priesterseminaren und der katholischen Presse. Viele Kirchen des Westens leisten uns daher großzügige Hilfe. Ständige Unterstützung erhalten wir insbesondere von „Kirche in Not.“ Im Namen der Kirche Weißrusslands und all ihrer Priester und Gläubigen möchte ich allen Wohltätern dafür unseren herzlichen Dank aussprechen: Vergelt's Gott!
Nach dem viele Kirchen in den letzten Jahren renoviert werden konnten und auch einige neu gebaut wurden, ist Bauhilfe nur noch in geringerem Maße nötig. Dafür müssen wir uns nun dem inneren Ausbau der Kirche widmen: Materialien für den Religionsunterricht sind wichtig, weil die Zahl der daran teilnehmenden Kinder und Jugendliche stetig wächst. Dazu brauchen wir ebenso Unterstützung wie für die Veröffentlichung religiöser Literatur und zur Förderung der kirchlichen Medienarbeit. Auch Jugendfreizeiten, Exerzitien für Priester und Laien – es fehlt an Exerzitienhäusern -, die Förderung von Wallfahrten, der Unterhalt der Priesterstudenten, die meist aus sehr armen Familien stammen, sowie die Kosten für das Sekretariat der weißrussischen Bischofskonferenz gehören zu meinen dringenden Sorgen.