Besonnener Ratgeber
Jun 24, 2006
Paul Augustin Kardinal Mayer OSB wird heute 95 Jahre alt
Rom (DT, 23.05.2006) Wenn er Besucher empfängt, steht er fast steif und stramm, in der rechten Hand einen Stock, ohne sich aber auf diesen zu stützen. 1911 als Sohn eines Generals in Altötting geboren, hat Kardinal Paul Augustin Mayer etwas Soldatisches. Allerdings nicht im herkömmlichen Sinn. Dafür ist der hochgewachsene, schlanke Benediktiner viel zu zurückhaltend und sensibel. Aber auch Mayer stand immer zur Verfügung.
Für seine Abtei St. Michael in Metten, in der er 1931 die Profess ablegte, die ihn zum Studium nach Salzburg und Rom schickte und später, 1966, zu ihrem Abt wählte. Und für das Rom der Päpste, wo er ab 1939 Professor für Dogmatik an der Benediktinerhochschule Sant Anselmo und von 1949 bis 1966 deren Rektor war. Zudem hatte er als Päpstlicher Visitator von 1957 bis 1959 die Priesterseminare in der Schweiz zu inspizieren.
Während des Zweiten Vatikanischen Konzils wirkte Mayer zudem in der Konzilskommission für Seminare mit und war wesentlich an der Ausarbeitung des Dekrets "Optatam totius", das die Priesterausbildung neu ordnete, beteiligt.
Als ihn Paul VI. 1971 nach Rom zurückrief und zum Sekretär der Kongregation für die Institute des geweihten und apostolischen Lebens ernannte, war das für den inzwischen sechzig Jahre alten Benediktiner hart. Nach seinen Jahren in Rom, so erzählt er heute, habe er als Abt in Metten eine schöne Zeit gehabt. Eine Zeit des Aufbaus und des Wachstums. Als schließlich die ersten Berufungen kamen, musste er wieder fort.
Im Februar 1972 von Paul VI. zum Bischof geweiht, erwartete ihn in Rom ein schwieriges Feld. Es war die Zeit der Umbrüche und der Unsicherheiten nach dem Konzil. Das alte Kirchenrecht, erinnert sich Mayer, sei nicht mehr "griffig" gewesen. Es passte nicht mehr zu den Realitäten der nachkonziliaren Zeit. In den fünfziger Jahren hatte er Benediktinerklöster in den Vereinigten Staaten besucht. Als er nun, als Sekretär der Religiosen-Kongregation, dorthin zurückkam, habe er eine völlig veränderte Kirche vorgefunden. Viele Ordensleute hatten ihren Habit abgelegt, Nonnen pochten auf das Recht der Kommunionausteilung. Im Gottesdienst machte jeder Konvent, was er wollte.
Erst 1983, so Mayer weiter, als der neue Codex des Kirchenrechts kam, habe sich die Lage etwas beruhigt. Doch die Päpste hatten noch mehr mit ihm vor. 1984, der Benediktiner war inzwischen 73 Jahre alt, rief ihn Johannes Paul II. an die Spitze der Sakramentenkongregation und ernannte ihn am 25. Mai 1985 zum Kardinal. Bis 1988 übte er dieses schwierige Präfektenamt aus, um im Anschluss daran nochmals als Präsident der päpstlichen Kommission "Ecclesia Dei" die nicht immer leichten Beziehungen Roms zu den Traditionalisten zu pflegen. Die unerlaubten Bischofsweihen, mit denen Erzbischof Lefebvre den Bruch mit Rom vollzogen hatte, lagen erst wenige Wochen zurück.
Die Kommission "Ecclesia Dei" war so etwas wie ein Auffangbecken für Kleriker und Orden, die zwar der alten Messe verbunden bleiben, aber Lefebvre nicht ins Schisma folgen wollten. Erst 1991, kurz nach dem achtzigsten Geburtstag Kardinal Mayers, entließ ihn Johannes Paul II. in den Ruhestand. Der Kardinal ist in Rom geblieben. Viele suchen ihn in seiner Wohnung direkt über dem Pressesaal des Vatikans an der "Via della Conciliazione" auf. Mit seiner ruhigen, klaren Stimme, einem sicheren Urteil und frischen Geist ist er Ratgeber und Seelsorger zugleich. Und Zeitzeuge innerkirchlicher Entwicklungen, die teilweise dramatisch waren.
Viele Ordensgemeinschaften, so sagt er, hätten nur überlebt, indem es irgendwann zu Abspaltungen gekommen sei, die aber dann den Kurs des Gründers oder der Gründerin gehalten hätten. Ob er glaube, dass der jetzige Papst auf dem Gebiet der Liturgie einige Änderungen vornehmen werde. Es sei immer sehr schwer, so Kardinal Mayer, Fehler zu korrigieren. Etwa wenn es um den Ritus gehe. Dinge würden in der Kirche normalerweise nicht abgeschafft, sondern müssten sich weiterentwickeln. Ein besonderes Verhältnis hat Kardinal Mayer zu Benedikt XVI., nicht nur, weil ihre Geburtsorte, Altötting und Marktl am Inn, gerade einmal zwanzig Kilometer auseinander lägen. Als Papst, meint der Ordensmann, sei Ratzinger so vorbereitet wie kein anderer. Vor allem, was die Theologie angehe. Mit fast ehrfürchtigem Blick schaut Mayer auf seinen Bücherschrank, wo auf einem Regalbrett ein Buch Ratzingers neben dem anderen steht. Es klingelt. Der nächste Besucher ist da.
Der Kardinal drückt auf einen Knopf, eine Schwester kommt herein und begleitet den Gast bis zur Tür. Zum Abschied bedankt sich Mayer für alles. Eigentlich müsste es umgekehrt sein. Heute wird Paul Augustin Mayer 95 Jahre alt. Das reiche Leben eines Benediktiners, der sich und sein Leben ganz in den Dienst Gottes und der Kirche stellte. Auch das ist ein Weg, um innerlich jung zu bleiben.