Ein Baum aus Eisen
May 17, 2008
Zum Tod von Kardinal Bernardin Gantin. Von Guido Horst.
Rom (DT, 17.05.2008) Er war ein Mann, der einfach nicht altern konnte. Bis zu seinem Abschied von Rom im Jahr 2002 schien die Zeit spurlos an ihm vorbeigegangen zu sein. Der im westafrikanischen Benin geborene Kurienkardinal Bernardin Gantin war eine würdige Erscheinung, hoch gewachsen, ruhig, von Respekt gebietendem Äußeren. Seinem Namen, aus der Landessprache des Kardinals übersetzt, machte er alle Ehre: „Baum“ (gan) aus „Eisen“ (tin). Aber auch Eisenbäume stehen nicht ewig. Am Dienstag ist Kardinal Gantin im Alter von 86 Jahren in dem Pariser Krankenhaus „Georges Pompidou“ gestorben.
In einem Beileidstelegramm würdigte Papst Benedikt den Verstorbenen, der als erster Afrikaner die Leitung einer vatikanischen Kongregation übernommen hatte und am Ende seiner römischen Laufbahn Dekan des Kardinalskollegiums war, als „herausragenden Sohn Benins und ganz Afrikas, von allen hoch geschätzt und getragen von einem zutiefst apostolischen Geist und einem klaren Verständnis der Kirche und ihrer Sendung in der Welt“. Seine Aufgaben im Dienst dieser Kirche habe er mit „großzügiger Treue“ wahrgenommen.
Francis Arinze, der andere aus Afrika stammende Kardinal an der römischen Kurie und immer noch Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst, meinte gegenüber Radio Vatikan, Gantin sei ein Bischof und ein Kardinal gewesen, „der auf uns immer den Eindruck gemacht hat, ein Mann zu sein, der mit Gott im Frieden lebt. Ein Bischof, der die Mission die Kirche förderte. Ein Bischof, der die anderen Menschen respektiert. Die anderen zu respektieren, ist kein Zeichen von Schwachheit – nein. Wenn man stark ist, Gott liebt und die anderen Menschen respektiert, ist man im Frieden. So einem Mann zu begegnen, ist eine Gnade.“
Es war Papst Paul VI. gewesen, der Gantin 1971 nach Rom zurückgeholt hatte. Denn am 8. Mai 1922 als Sohn eines Eisenbahners in Toffo in der Erzdiözese Cotonou geboren und am 14. Januar 1951 in Lomé zum Priester geweiht, hatte Gantin 1953 seine Studien an der Päpstlichen Universität Urbaniana und der Päpstlichen Lateranuniversität in Rom aufgenommen, wo er die Lizenziate der Theologie und des kanonischen Rechts erwarb. Dann ging es für ihn nach Benin zurück. Papst Pius XII. ernannte ihn 1956 zum Weihbischof in Cotonou. Da war Gantin erst 34 Jahre alt. Papst Johannes XXIII. beförderte ihn 1960 zum Erzbischof dieser Diözese. Gantin hatte auch den Vorsitz der regionalen Bischofskonferenz inne, die sieben Länder umfasste: Dahomey, Togo, Elfenbeinküste, das heutigen Burkina Faso, Neu Guinea, Senegal und Nigeria. Die Teilnahme am Zweiten Vatikanischen Konzil führte ihn immer wieder nach Rom.
Zurück in Rom arbeitete Gantin in der Kongregation für die Evangelisierung der Völker, im Päpstlichen Rat für Gerechtigkeit und Frieden und im Rat „Cor Unum“. Paul VI. nahm ihn dann in das Kardinalskollegium auf, als Gantin 1977 die Leitung von „Cor Unum“ übernahm. Papst Johannes Paul II. ernannte Kardinal Gantin schließlich 1984 zum Präfekten der Kongregation für die Bischöfe und zum Präsidenten der Päpstlichen Kommission für Lateinamerika. Zuvor gehörte er 1980 als delegierter Präsident zu den Vorsitzenden der fünften römischen Bischofssynode zum Thema „Die Aufgaben der christlichen Familie in der Welt von heute“.
Bevor Gantin 1998 dem Papst aus Altersgründen seinen Rücktritt anbot, hatte er 1993 eine weitere Aufgabe übernommen: 1993 wurde er für fast zehn Jahre Dekan des Kardinalkollegiums. In dieser Zeit entwickelte sich eine enge Beziehung zu Papst Johannes Paul II. Die beiden kannten sich seit Anfang der siebziger Jahre, als Erzbischof Karol Wojtyla hin und wieder die Kongregation für die Evangelisierung der Völker aufsuchte und mit dem jungen Gantin die Lage in einigen afrikanischen Ländern besprochen hatte, in die die Diözese Krakau polnische Priester zum Aufbau der Ortskirchen entsandt hatte. Nun stand dieser Afrikaner an der Spitze des roten Senats des Papstes. Als Gantin schließlich 2002 Johannes Paul II. seinen Rücktritt vom Amt des Dekans des Kardinalskollegiums anbot, schrieb ihm der polnische Papst: „Ich habe lange mit der Antwort gewartet, denn ich verberge Ihnen nicht, dass ich durch Ihr Fortgehen aus Rom einen Mitarbeiter verliere, der sich durch einen tiefen ,sensus Ecclesiae‘ und große Erfahrung auf allen Gebieten auszeichnet.“ Die Nachfolge des Afrikaners als Dekan in Rom trat Kardinal Joseph Ratzinger an. Und Gantin kehrte mit der Vollendung seines achtzigsten Lebensjahres in seine Heimat zurück und war wieder das, was er als junger Priester werden wollte: ein einfacher Missionar.