Predigt von Kardinal Wetter beim ökumenischen Gottesdienst am 18. Januar 2005
Jan 22, 2005
Wenn wir heute von Ökumene sprechen, tun wir dies im Hinblick auf diese vielfältigen Bezüge. Ökumene soll ein Mehrungsprozess sein, der uns alle bereichert. Nicht der kleinste gemeinsame Nenner ist unser Ziel. Dies würde zur geistlichen Verarmung führen. Miteinander wollen wir zu einem tieferen Verständnis des Glaubens gelangen und den Reichtum der Gaben Gottes entdecken, die uns im Glauben geschenkt sind.“
MÜNCHEN, 21. Januar 2005 (ZENIT.org).- Wir dokumentieren die Homilie, die Kardinal Friedrich Wetter, Erzbischof von München und Freising, beim ökumenischen Gottesdienst anlässlich der Gebetswoche für die Einheit der Christen am 18. Januar in der evangelischen St. Matthäus-Kirche in München gehalten hat. Darin zeigt er, dass wir Christen trotz aller Trennungen und Schwierigkeiten einander näher kommen können, wenn wir nur nicht darauf vergessen, im Gebet auf Gott zuzugehen.
Schwestern und Brüder,
am Beginn der Gebetswoche für die Einheit der Christen sind wir zum Beten zusammengekommen. Wir tun dies seit fast 40 Jahren. 1967 wurde die Gebetswoche in München zum ersten Mal begangen. Vieles ist seither gewachsen. Es versammeln sich nicht mehr nur evangelisch-lutherische und katholische Christen zum Gebet. Die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in München umfasst inzwischen 18 verschiedene christliche Kirchen und Gemeinschaften.
Seit Jahrzehnten leben Christen der orthodoxen Kirche aus verschiedenen Ländern Ost- und Südosteuropas bei uns. Ganz selbstverständlich gehören auch Christen aus Ägypten, Äthiopien, Syrien und anglikanische Christen aus verschiedenen englischsprachigen Ländern zum christlichen Leben in unserer Stadt. Unsere Gemeinschaft ist umfassender geworden. Wir dürfen dankbar sein, dass es vielfältige Kontakte und lebendige Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Mitgliedskirchen der ACK gibt.
Wenn wir heute von Ökumene sprechen, tun wir dies im Hinblick auf diese vielfältigen Bezüge. Ökumene soll ein Mehrungsprozess sein, der uns alle bereichert. Nicht der kleinste gemeinsame Nenner ist unser Ziel. Dies würde zur geistlichen Verarmung führen. Miteinander wollen wir zu einem tieferen Verständnis des Glaubens gelangen und den Reichtum der Gaben Gottes entdecken, die uns im Glauben geschenkt sind.
Deshalb freuen wir uns über die gegenseitige Bereicherung, die wir im Austausch und im geistlichen Leben einander geben können.
Umso schmerzlicher wird uns dabei die Trennung der Christenheit bewusst. Vieles ist auch hier in Bewegung gekommen. Es gibt viele Dokumente zu strittigen Fragen. Erinnert sei an die "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ zwischen Katholiken und Lutheranern, an die Lehrgespräche zwischen den orthodoxen und den altorientalischen Kirchen oder an die "Feststellung von Porvoo" zwischen Anglikanern und den Lutheranern Nordeuropas. Dabei müssen wir nüchtern feststellen, dass wir in wichtigen Fragen zwar manche Gemeinsamkeiten formulieren können, genauso aber auch Unterschiede feststellen, die wir als kirchentrennend zu betrachten haben.
Von Beginn der ökumenischen Bewegung an war deutlich, dass es zu einer Klärung unseres Verständnisses von Kirche kommen muss. Die Kommission für Glauben und Kirchenverfassung des Ökumenischen Rates der Kirchen hat in einem Studiendokument aus dem Jahr 2000 mit dem Titel "Das Wesen und die Bestimmung der Kirche" darüber eine Bilanz gezogen.
Dabei wurde zusammengetragen, was verbindet, es wurden aber auch die Fragen formuliert, die einer Klärung bedürfen. Das Dokument beschreibt, um nur einiges zu nennen, als Aufgabe für den Dialog: das Verständnis der Sakramente, besonders der Taufe und der Eucharistie, das Verständnis des Amtes mit all den damit verbundenen Fragen der apostolischen Sukzession und seiner hierarchischen Gliederung, die Bedeutung der Vielfalt und der notwendigen sichtbaren Einheit im konkreten kirchlichen Leben. Jeder, der sich nur etwas tiefer mit der Einheit der Christen beschäftigt, weiß um diese Fragestellungen.
Wie bei jeder Herausforderung im menschlichen Leben, so gibt es auch hier unterschiedliche Reaktionen. Einige verlieren den Mut und den Schwung, der sie bisher auf dem Weg begleitet hat. Andere finden es genug der Anstrengung und wollen sich mit dem Erreichten begnügen. Wieder andere erklären den weiteren Weg für überflüssig.
So entsteht eine gewisse Verunsicherung und oft auch der Eindruck, in der Ökumene sei es zum Stillstand gekommen. Doch einen Stillstand in der Ökumene können wir uns nicht leisten. Der Auftrag Jesu lässt dies nicht zu.
Wenn wir realistisch auf die Herausforderungen blicken, dann erkennen wir, dass wir nicht bei Null beginnen müssen und Bausteine für eine Verständigung durchaus bereit liegen. Wir haben miteinander ein Maß an gemeinsamem Leben und gemeinsamen Einsichten erreicht, die uns, sofern wir nur nicht den Mut und die Geduld miteinander verlieren, weitertragen können. Bevor wir aber das Haus bauen, ist es dringend erforderlich, den Untergrund genau zu kennen, auf dem wir es errichten wollen. Darauf verweist uns das heute gehörte Evangelium.
In einem Gleichnis spricht Jesus vom zweifachen Hausbau. Das eine Haus wird auf Sand gebaut und beim ersten großen Sturm hinweg gefegt. Das zweite Haus steht auf einem festen Fundament, auf Fels, und hält allen Stürmen stand. Das sichere Fundament ist Jesus Christus. In seinem Wort begegnet er uns. Wenn wir sein Wort hören und tun, dann bauen wir auf festem Grund. "Wer diese meine Worte hört und danach handelt“, sagt Jesus, "ist wie ein kluger Mann, der sein Haus auf Fels baute“ (Mt 7,24).
Mit diesem Bildwort schließt Jesus seine Verkündigung in der Bergpredigt ab. In ihr macht er deutlich, dass Gott den ganzen Menschen beansprucht. Was Jesus in der Bergpredigt entfaltet, fasst er an anderer Stelle als Hauptgebot zusammen: "Du sollst den Herrn deinen Gott lieben, mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft" (Mk 12,30). Dieser Anspruch zielt darauf hin, dass wir Gemeinschaft mit ihm haben.
Darum kommt Gott zu uns Menschen, er kommt in unser Leben in seinem Sohn. Der Lebensgemeinschaft mit ihm dürfen wir uns öffnen. So entsteht Kirche. Die Gemeinschaft mit Jesus Christus soll unser Herz, unser Denken und auch unser theologisches Nachsinnen, unsere Mühen und unser Handeln durchdringen.
In der Lebensgemeinschaft mit ihm erwächst uns auch die Liebe zueinander. Je tiefer wir uns einlassen auf die Gemeinschaft mit Gott in seinem Sohn Jesus Christus, desto mehr werden wir auch die Geduld füreinander aufbringen und Kraft finden, miteinander um die Einheit zu ringen. Die Gemeinschaft mit Gott, dem Vater, ist uns in Jesus Christus eröffnet. Mit ihm können wir uns Gott zuwenden und uns miteinander auf den Weg der sichtbaren Einheit machen. "Nehmt einander an", schreibt Paulus an die Römer, "wie auch Christus uns angenommen hat zur Ehre Gottes" (Röm 15,7). Nehmen wir einander an und wenden wir uns miteinander Christus zu, dann steht unser Bemühen um die Einheit auf einem festen Fundament.
Dazu gehört in erster Linie, dass wir uns im Gebet an Gott wenden. Das Gebet wird im Ökumenismusdekret des II. Vaticanums als die Seele (UR 8), ja als der innere Motor der Ökumene bezeichnet. Der theologische Dialog ist eine Notwendigkeit in unserem Streben nach Einheit. Er bedarf aber der lebendigen Begegnung mit Gott im Gebet, damit er Frucht bringt. Denn je mehr wir auf Gott zugehen, umso mehr gehen wir aufeinander zu, wie Papst Johannes Paul II. in seinem Apostolischen Schreiben "Orientale Lumen" am Ende formuliert (OL 28). Deshalb ist das Gebet um die Einheit nicht Beiwerk für die ökumenische Arbeit, sondern ihre unabdingbare Voraussetzung.
Wir dürfen nie vergessen: Das Entscheidende tut Gott. Paulus sagt: "Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, Gott aber ließ wachsen“ (1 Kor 3,6). Der ökumenische Wachstumsprozess, der zur vollen Einheit führt, ist Gottes Werk.
Wir sind bei diesem Werk Mitarbeiter Gottes. Auch das sagt der Apostel, indem er das Bild vom Bau benützt: "Wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld, Gottes Bau“ (1 Kor 3,9). Gott ist der Herr der Kirche, auch ihr Bauherr. Wir sind nur Mitarbeiter; aber ohne Mitarbeiter will Gott sein Werk nicht durchführen. Darum nimmt er uns in Dienst. Im Gebet bringen wir das zum Ausdruck. Die Einheit der Christen in der einen Kirche ist Gottes Werk, wir aber stellen uns als seine Mitarbeiter in seinen Dienst.
Die Gebetswoche am Beginn eines jeden Jahres ist eine Einladung, dieses Gebet nicht nur in dieser Woche, sondern an allen Tagen des Jahres zu pflegen. Diese geistliche Ökumene bewahrt uns davor, die Einheit als Ergebnis von geschickten Verhandlungen oder menschlicher Durchsetzungskraft anzusehen. Das Gebet bewahrt uns aber auch vor Mutlosigkeit und vor dem Stillstand und gibt Gott die Ehre. "Nichts ist so wertvoll wie das Gebet“, sagt der Kirchenvater Johannes Chrysostomos, "es macht Unmögliches möglich und Schweres leicht“ (KKK 2744), auch in der Ökumene.
[Deutscher Originaltext, vertrieben durch die Pressestelle der Erzdiözese München und Freising]