Friedrich Cardinal Wetter Friedrich Cardinal Wetter
Function:
Archbishop of München und Freising, Germany
Title:
Cardinal Priest of S Stefano al Monte Celio
Birthdate:
Feb 20, 1928
Country:
Germany
Elevated:
May 25, 1985
More information:
www.catholic-hierarchy.org
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German „Wir brauchen einen geistigen Klimawandel“
Feb 05, 2007
Ansprache Kardinal Wetters beim Neujahrsempfang in München (19. Januar 2007).

MÜNCHEN, 20. Januar 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die der Münchner Erzbischof Friedrich Kardinal Wetter am Freitag beim Neujahrsempfang des Erzbistums im Kardinal-Wendel-Haus in München gehalten hat.

Der Kardinal plädierte für einen „geistigen Klimawandel“, der darin bestehe, „dass wir Gott als Schöpfer und Welt und Mensch als Schöpfung Gottes anerkennen“. In dieser Anerkennung liege im Letzten die „alles entscheidende Zukunftsaufgabe: Wir müssen wieder entdecken und ernst nehmen, dass unsere Welt mit Gott zu tun hat. Es gibt nichts, das nicht auf Gott bezogen wäre.“

Kardinal Wetter sprach sich zudem eindeutig für einen Gottesbezug im EU-Verfassungsvertrag aus und erklärte diesbezüglich: „Wir stehen zur Trennung von Kirche und Staat und bejahen den weltanschauungsneutralen Staat. Aber wir wollen keinen gottlosen Staat und kein gottloses Europa.“

Zuvor hatte er seinen Zuhörern die Zehn Gebote und die Einübung der Tugenden ans Herz gelegt, die entscheidend zur Lösung der großen Herausforderungen unserer Zeit beitrügen. Eine dieser Herausforderungen ist nach Worten des Kardinals der Schutz der Familie: Denn: „Wer die Familie zur Disposition stellt, stellt die Humanität zur Disposition.“

* * *

Mit großer Freude grüße ich Sie zu unserem diesjährigen Neujahrsempfang. Ich danke Ihnen, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind.

Neujahrsempfänge, auch unsere heutige Zusammenkunft, sind gleichsam Startschüsse in das neue Jahr. Dabei geht es um mehr als nur um ein geselliges Beisammensein. Wir wollen uns aus der Erfahrung des vergangenen Jahres und im Hinblick auf das neue Jahr unserer Weggemeinschaft versichern. Denn wir stehen vor Herausforderungen, die wir nur gemeinsam bewältigen können.

Sich dieser Weggemeinschaft zu versichern, ist in einer Zeit, wie wir sie erleben, besonders hilfreich. Es gilt, wachen Geistes die Augen zu öffnen für die Aufgaben, die vor uns liegen, und sie beherzt anzugehen. Dabei müssen wir auch Wege ausfindig machen, die uns in die Zukunft führen. Das gilt für uns alle, für Staat, Gesellschaft und Kirche. Ich erinnere nur an die Reform der sozialen Gesetzgebung unseres Staates und an die seelsorglichen Probleme, die sich uns mit der geringer gewordenen Zahl unserer Priester und Ordensleute stellen. In einer solchen Situation ist es wichtig, nicht in hektischen Aktionismus zu verfallen, der nicht weiterhilft. Da heißt es, zuerst einmal innehalten, sich besinnen, aufeinander hören und aus Erfahrungen lernen.

Das letzte Jahr hat uns in der Kirche eine Erfahrung geschenkt, die uns zuversichtlich in die Zukunft schauen lässt. Das war der Besuch des Heiligen Vaters. Wie viele Menschen haben sich ehrenamtlich und hauptberuflich weit über das normale Maß hinaus engagiert und begeistern lassen! Immer wieder konnte ich erfahren, wie gut und reibungslos und wie effektiv die Zusammenarbeit unserer kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Stadt und Staat von statten ging; wie kurz die Wege zueinander waren und wie wertvolle Netzwerke dabei entstanden sind.

Welche Freude konnten wir in unserer Stadt und im ganzen Land erleben, eine Freude, die nicht einer oberflächlichen Spaßgesellschaft zuzuordnen ist, sondern aus der Tiefe des Glaubens kam, die Menschen erfasste und weiterwirkt. Viele Menschen – auch außerhalb der Kirche – konnten spüren, was es heißt: „Wer glaubt ist nie allein.“

Für diese Erfahrung dürfen wir alle dankbar sein. Ich sage heute Abend nochmals allen, die zu dem guten Gelingen des Papstbesuches beigetragen haben, ein herzliches Vergelt’s Gott.

Doch wir wollen heute Abend nicht nur zurückschauen, sondern beherzt und ermutigt durch den Papstbesuch des vergangenen Jahres in die Zukunft blicken.

Kaum ein Tag vergeht, an dem wir nicht in den Medien über Reformpläne und Gesetzesvorhaben informiert werden. In der Tat sind Reformen notwendig. Ich nenne nur einige: die Gesundheitsreform; die soziale Absicherung der Arbeitslosen und der alten Menschen; die Sorge für die Armen, damit alle menschenwürdig leben können; die Stärkung von Ehe und Familie, damit Kinder heranwachsen können, umsorgt von der Liebe der Eltern. Die Familie ist und bleibt das Grundmodell menschlichen Zusammenlebens; in ihr werden die Werte, die unser Leben tragen, gelebt und weitergegeben. Wer die Familie zur Disposition stellt, stellt die Humanität zur Disposition. Auch im Bereich der Forschung muss Klarheit herrschen im Umgang mit den embryonalen Stammzellen, d. h. mit dem Menschen an seinem Lebensanfang im embryonalen Zustand.

Es ist nicht leicht, auf all diesen Feldern durch gesetzliche Regelungen Ordnung zu schaffen. Die verantwortlichen Politiker sind wahrlich nicht zu beneiden.

Ich frage mich, kommt diese Schwierigkeit nur aus den so kompliziert gewordenen Zusammenhängen? Man braucht in der Tat bei so manchen Fragen ein gewisses Fachwissen, um zu verstehen, worüber in Berlin gestritten wird.

Doch ist die Komplexität der Materie der einzige Grund, warum wir uns so schwer tun? Rührt die Schwierigkeit, durch gesetzliche Regelungen Ordnung in das menschliche Miteinander zu bringen, nicht auch daher, dass es uns an innerer Ordnung fehlt?

Der Apostel Paulus schreibt im Brief an die Römer, dass Gott auch den Heiden, d.h. allen Menschen, „die Forderungen des Gesetzes ins Herz geschrieben hat“ (Röm 2,15). Was das Gesetz in unseren Herzen inhaltlich meint, zeigen uns die zehn Gebote. In den ersten drei Geboten wird uns gesagt, dass unser Verhältnis zu Gott stimmen muss und er das Zentrum der Wirklichkeit und das Zentrum unseres eigenen Lebens ist. Im vierten Gebot geht es um das Verhältnis zu den Eltern; damit ist die Ordnung der Familie angesprochen. Das fünfte Gebot sagt uns, dass wir den anderen gelten lassen, ihm keine Gewalt antun sollen. Das sechste Gebot heißt uns, die Ehe heilig zu halten. Im siebten und achten Gebot wird uns gesagt, nicht zu lügen, sondern ehrlich und aufrichtig miteinander umzugehen und sich nicht am Eigentum des anderen zu vergreifen. In den beiden letzten Geboten heißt es, nicht einmal zu begehren, was uns nicht zusteht; also zufrieden zu sein, die Voraussetzung des inneren Friedens.

Auch wenn einige dieser Gebote die Form eines Verbotes haben, zeigen sie uns alle ganz positiv, wie wir unser Leben zu gestalten haben, nicht nur als einzelne, sondern auch als menschliche Gemeinschaft. Die zehn Gebote sind Wegweisungen für ein humanes Leben und ein friedliches Miteinander. Auch wenn diese Gebote in der Bibel stehen, sie sind kein jüdisch-christliches Sondergut, sondern allen Menschen von Gott ins Herz geschrieben, damit sie ihr Leben und ihr Miteinander menschenwürdig gestalten.

Würden wir uns mehr an die Ordnung halten, die Gott uns in unser Inneres, wie Paulus sagt, ins Herz geschrieben hat, wir bräuchten viel weniger staatliche Gesetze. Die dicken Gesetzescodices würden zusammenschrumpfen auf handliche, überschaubare Bücher. Je weniger Ordnung von innen kommt, umso mehr braucht es Gesetze, um die Ordnung durch äußere Maßnahmen herzustellen und abzusichern. Hier liegt wohl ein Grund unserer Gesetzesflut.

Und noch ein Zweites möchte ich anfügen. Wäre die innere Ordnung unseres Menschseins stärker ausgeprägt, würde es sicher leichter fallen, komplizierte Bereiche gesetzlich zu ordnen, wie das heute ansteht, oder auch die Knoten ausweglos erscheinender Personalprobleme aufzulösen.

Eine wichtige Hilfe, die innere, geistige Ordnung aufrecht zu halten, sind die Tugenden. Plato unterscheidet vier Tugenden, die Haltungen sind und zugleich Handlungsaufforderungen für jeden Menschen: Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung. Sie stehen heute nicht gerade hoch im Kurs und sind nicht für einen elitären Kreis von Lebenskünstlern gedacht. Tugenden sind Grundhaltungen, die zu einem geglückten und erfüllten Leben führen – persönlich, politisch und gesellschaftlich. Josef Pieper schreibt: „Tugend ist nicht die gezähmte Ordentlichkeit und Bravheit des Spießbürgers, sondern seinshafte Erhöhung der menschlichen Person … die Erfüllung menschlichen Seinkönnens.“

Da es uns heute um unsere Weggenossenschaft ins neue Jahr geht, möchte ich nur die eine Tugend herausgreifen, die auf das Gemeinwohl bezogen ist: Das ist die Temperantia, das Maß, die Mäßigung, das Anerkennen und Einhalten der eigenen Grenzen.

Bei seiner Weihnachtsansprache an die Kurie brachte Papst Benedikt ein brisantes Beispiel zur Sprache: „Das Erkennen des Menschen, seine Beherrschung der Materie durch die Kraft des Erkennens hat inzwischen Fortschritte gemacht, die man sich ehedem nicht hätte vorstellen können. Aber die Macht des Menschen, die ihm von der Wissenschaft her zugewachsen ist, wird immer mehr zu einer Gefahr, die ihn selbst und die Welt bedroht. Die ganz auf das Beherrschen der Welt gerichtete Vernunft akzeptiert keine Grenzen mehr. Sie ist dabei, den Menschen selbst nur noch als Materie ihres Produzierens und Könnens zu behandeln. Unser Erkennen wächst, aber zugleich gibt es eine Erblindung der Vernunft für ihre eigenen Gründe; für die Maßstäbe, die ihr Richtung und Sinn geben. Der Glaube an den Gott, der selbst die schöpferische Vernunft des Ganzen ist, muss von der Wissenschaft neu als Herausforderung und als Chance angenommen werden.“

Eine interessante Gegenläufigkeit wird hier offenbar. Eine Vernunft, die sich selbst Grenzen setzt, indem sie Gott ausklammert, erkennt nicht mehr ihre eigenen Grenzen. Sie gerät in Gefahr, blind zu werden für das Menschsein des Menschen, ja, das Menschsein abzuschaffen, so wie ein Bergwanderer, der die Begrenzungen seines Weges nicht sieht und in die Tiefe stürzt.

Ich möchte noch ein zweites Beispiel anfügen, das ebenfalls beunruhigt. Das ist der Umgang mit der Natur, die heute durch den Menschen ihre größte Gefährdung erleidet. Wir brauchen die Tugend der Temperantia, des Maßes, der Bescheidenheit. Wir dürfen nicht durch habgierigen Raubbau die Natur ausbeuten, sie durch ungehemmte Schadstoffemissionen vergiften und so den Lebensraum der kommenden Generationen zerstören. Wir müssen die Grenzen, die uns im Umgang mit der Natur gesetzt sind, anerkennen. Das hat auch mit Gott zu tun. Er hat uns geheißen, den Garten Eden, d. h. die uns anvertraute Natur zu bebauen und zu behüten, nicht aber auszubeuten und zu zerstören.

Heute ist viel vom Klimawandel die Rede, meist mit besorgtem Unterton. Ja, wir brauchen einen Klimawandel, doch ganz anderer Art, nämlich in unserem Denken. Wir brauchen einen geistigen Klimawandel, der darin besteht, dass wir Gott als Schöpfer und Welt und Mensch als Schöpfung Gottes anerkennen.

„Die Welt braucht Gott. Wir brauchen Gott“, sagte Papst Benedikt beim Gottesdienst in München-Riem. Wir brauchen ihn, nicht nur um unseres ewigen Heiles willen. Wir brauchen ihn auch, um in dieser Welt richtig zu leben.

In seiner Weihnachtsansprache vor den Mitgliedern der Kurie kam der Papst nochmals auf seinen Besuch bei uns zu sprechen. Er sagte: „Das große Thema meiner Deutschland-Reise war Gott. Die Kirche muss über vieles sprechen – über die Fragen des Menschseins, über ihre eigene Gestalt und Ordnung usw. Aber ihr eigentliches und in gewisser Hinsicht einziges Thema ist „Gott“. Und das große Problem der westlichen Welt ist die sich ausbreitende Gott-Vergessenheit. Im letzten lassen sich – davon bin ich überzeugt – alle Einzelprobleme auf diese Frage zurückführen.“

Wir stehen hier vor der alles entscheidenden Zukunftsaufgabe: wir müssen wieder entdecken und ernst nehmen, dass unsere Welt mit Gott zu tun hat. Es gibt nichts, das nicht auf Gott bezogen wäre. Denn er ist „das Zentrum der Wirklichkeit und das Zentrum unseres eigenen Lebens“, wie Papst Benedikt sagte. Mit dieser Einsicht und der Tugend der Mäßigung können wir unsere vielfältigen Aufgaben bewältigen.

Das gilt auch für den Aufbau des geeinten Europas, in dem Deutschland für ein halbes Jahr den Vorsitz innehat. Welches Europa wollen wir? Sind sich alle Europäer darüber im Klaren? Wollen wir einen Zweckverband oder eine Wertegemeinschaft? Hier spielt der oft geforderte, aber immer noch nicht aufgenommene Gottesbezug in der Präambel des Grundlagenvertrags eine große Rolle.

Wodurch errang Europa eine besondere Stellung in der Welt? Durch Errungenschaften, die Europa dem Christentum verdankt: der Mensch als Ebenbild Gottes und seine einzigartige, unzerstörbare Würde; die Gleichheit aller Menschen – unabhängig von Status, Herkunft, Aussehen oder Kultur; unsere Werteordnung mit Rechten und Pflichten. Auf dieser Grundlage hat sich eine Kultur entwickelt, die weltweite Ausstrahlung gewonnen hat. Diesem Menschenbild mit seiner Werteordnung verdankt sich auch unser Grundgesetz. Der christliche Glaube hat die Kultur unseres Kontinents geformt.

Mit der Forderung des Gottesbezugs in der Europäischen Verfassung verlangen wir nicht, dass alle an den Vater Jesu Christi glauben müssen. Es geht um Gott als höchste Instanz, über die niemand, auch kein Parlament verfügen kann und der wir alle Rechenschaft schuldig sind, wie es uns das Gewissen sagt.

Von Gott kommen die Wurzeln, aus denen Europa hervorgegangen ist. „Man schneidet nicht die Wurzeln ab, aus denen man gewachsen ist“ (Johannes Paul II. 20.06.2004)
Wir stehen zur Trennung von Kirche und Staat und bejahen den weltanschauungsneutralen Staat. Aber wir wollen keinen gottlosen Staat und kein gottloses Europa.

Die Widerstände gegen die Aufnahme des Gottesbezugs in die Verfassung zeigen, wie weit die Gott-Vergessenheit, von der Papst Benedikt sprach, in Europa vorangeschritten ist. Hier besteht Handlungsbedarf, damit Europa kein seelenloses Gebilde wird, sondern ein von Humanität beseelter Kontinent. Es wäre zu wünschen, dass während der deutschen Präsidentschaft dieses große, gemeinsame Anliegen wieder lebendig wird und zur Sprache kommt.

Ich darf Ihnen heute zum 25. Mal an dieser Stelle meine guten Wünsche zum neuen Jahr entbieten. Wenn ich auf diese Zeit zurückschaue, erfüllt mich dies mit Zuversicht.

Am Beginn eines jeden Jahres durfte ich mit Ihnen Neuland betreten, das dunkel vor uns lag. Jedes Jahr durchschritten wir in vielen kleinen Schritten, indem wir auf Fragen Antworten suchten und unsere Aufgaben erfüllten, so gut wir es konnten. Dabei durften wir eine Erfahrung machen, die uns auch am Beginn dieses Jahres hoffnungsvoll stimmt: Es gibt einen Weg, der uns sicher in die Zukunft führt. Dieser Weg hat einen Namen: Jesus Christus. Hat doch der Herr gesagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6). Diesem Weg vertrauen wir uns auch in diesem Jahr an. Auf ihm finden wir, was unser Leben frei, schön und groß macht.

Diese Zuversicht wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen und Gottes Segen für das neue Jahr.

[Vom Erzbistum München-Freising veröffentlichtes Original]
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