Thema Ehe und Familie: Kardinal Wetter bei der Jahresabschluss-Pressekonferenz in München
Dec 20, 2006
„Die katholische Kirche ist den Wünschen der jungen Generation verbunden, wenn sie unbeirrt am Leitbild von Ehe und Familie festhält“
MÜNCHEN, 20. Dezember 2006 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Erklärung, die der Münchner Erzbischof Friedrich Kardinal Wetter am vergangenen Freitag im Münchner Presse-Club in Bezug auf die Haltung der Kirche zum Thema Ehe und Familie machte.
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Das Thema Familie hat Hochkonjunktur in Deutschland. Politik, Wirtschaft und andere Verantwortliche in der Gesellschaft wetteifern, die Familie hochzuhalten und hochzupreisen. Die Motive für dieses Engagement, das gutzuheißen ist, sind freilich unterschiedlich.
Auffällig ist vor allem, dass in der Diskussion über Familie deren nach wie vor entscheidendes Fundament, nämlich die Ehe zwischen Mann und Frau, oft ausgeblendet oder gar als traditionalistisches und überholtes Modell gewertet, ja ausgemustert wird. Das steht gegen Wortlaut und Inhalt unserer Verfassung, die bei den Grundrechten in Artikel 6 unübersehbar formuliert: „Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen Gemeinschaft.“
Eine ganz pragmatische Interpretation dieses Artikels ist, dass der Staat ein entschiedenes Interesse an der Erhaltung des Staatsvolkes haben muss. Dies ist angesichts der demographischen Entwicklung in unserem Land und ihren Auswirkungen auf das soziale System und das Zusammenleben zwischen den Generationen eine sehr notwendige Betrachtung.
Wenn der Staat nicht beurteilen will und wohl auch nicht kann, in welchen Gemeinschaften und Formen Menschen zusammenleben wollen, so darf er doch nicht außer acht lassen, dass zum optimalen Aufwachsen von Kindern immer noch ein Ehepaar – Vater, Mutter – ganz wichtig sind.
Ich weiß, wenn man dies sagt, gefällt es nicht allen. Aber vielleicht muss es gerade deswegen wieder gesagt werden, damit das Selbstverständliche vor lauter Rücksicht auf andere Befindlichkeiten und Lebensumstände nicht aus dem Blick und aus dem Bewusstsein gerät. Die Ehe von Mann und Frau, aus der die Familie hervor wächst, ist das Grundmodell menschlicher Gemeinschaft.
Die katholische Kirche bejaht und fördert, unbeirrt durch alle gesellschaftlichen Diskussionen, das Leitbild einer auf Dauer angelegten Ehe und Familie. Ehe und Familie sind aus der Sicht der Kirche von grundlegender Bedeutung auch dafür, dass Kinder sich seelisch, geistig, sozial und körperlich gesund entwickeln können und gute Lebenschancen haben.
Damit wird deutlich, dass dieses Leitbild weder traditionalistisch noch vergangenheitsorientiert, sondern gegenwartsbezogen und zukunftsorientiert ist. Wenn die Schöpfungsordnung der Ehe verwischt wird – Papst Benedikt XVI. hat dies gegenüber den deutschen Bischöfen erst kürzlich ausdrücklich erklärt – dann wird es nach den Worten des Papstes „immer schwerer, Kinder anzunehmen und ihnen jenen dauerhaften Raum des Wachsens und Reifens zu schenken, der nur die auf der Ehe gründende Familie sein kann“ (vgl. Ansprache vom 18. November 2006).
Dass die Kirche damit gegenwartsbezogen und zukunftsorientiert argumentiert, belegen empirische Umfragen, etwa die Shell-Studie. Junge Menschen messen danach der Familie einen hohen Stellenwert bei. Ehe und Familie werden von ihnen mit dauerhafter Liebe, Treue, Geborgenheit und Vertrauen verbunden. Gerade vor dem Hintergrund des Scheiterns von Ehen und Familien, die junge Menschen oft erfahren, wollen sie doch selbst in einer Familie mit Kindern leben und halten an der Familie als einem hohen Ideal fest.
Die katholische Kirche ist also den Wünschen der jungen Generation verbunden, wenn sie unbeirrt am Leitbild von Ehe und Familie festhält und sich ihrem Auftrag zur Formung, Förderung und Ermutigung zu dauerhafter Ehe und Familie verpflichtet weiß. Nicht dogmatische Halsstarrigkeit, sondern Treue zur Schöpfungsordnung und Zuwendung zum Menschen bestimmen dabei ihr Handeln.
Das wird gerade in der Zuwendung zu Menschen deutlich, die in ihrem Leben die Erfahrung machen mussten, dass Ideal und Realität voneinander weit entfernt sein können. Die Tatsachen sind bedrückend: Scheidungszahlen zeigen es, das Heiratsalter steigt nach oben, die individuelle Angst vor Bindung und der damit einhergehenden Verantwortung der Partner füreinander und für Kinder sind größer geworden.
Eine monokausale Interpretation verbietet sich ebenso wie ein vorschnelles moralisches Urteil. Im Gegenteil: Die Kirche verschließt vor den Krisen in Ehe und Familie nicht die Augen. Sie weicht der Realität des Scheiterns angesichts der vielen Herausforderungen von Ehe und Familie in der heutigen Gesellschaft nicht aus.
Familienpastoral, Familienbildung und Familienberatung sind wichtige Felder, auf denen die katholische Kirche einen bedeutenden Dienst an Tausenden von Familien und Kindern leistet, nicht zuletzt auch durch ihre bayernweit 2.400 katholischen Kindertagesstätten und Tausende von Eltern-Kind-Gruppen. Richtungweisende Forschungsprojekte zu Kommunikationstraining für Ehepaare, die in der Erzdiözese München und Freising in einem eigenen Münchner Institut entwickelt worden sind, haben hohe innerkirchliche und außerkirchliche Anerkennung gefunden.
Wer das Wohl von Ehe und Familie fördert, wie es die katholische Kirche zu tun bemüht ist, kümmert sich um eine gelingende Paarbeziehung der Eltern und fördert dadurch auch das Wohl der Kinder; denn Kinder spüren, wie die Eltern sich verstehen; davon hängt auch ihr Wohlbefinden ab. Mit dieser Ausrichtung bemüht sich die Kirche darum, Beziehungs- und Erziehungskompetenz in Ehe und Familie zu fördern. Eine entsprechende Wertevermittlung auf der Basis des christlichen Welt- und Menschenbildes ist keine abstrakte Größe. Dazu gehören das Eintreten für eine gesunde Umwelt und für die Gestaltung eines sozial lebenswerten Nahraumes, damit Städte und Gemeinden sich als attraktive Wohn- und Arbeitsräume für Familien entwickeln oder noch besser ausgestalten können. Auch familienfreundlich gestaltete Arbeitsplätze gehören in dieses Wertsystem.
Wenn alle in diese Richtung wirken, dann können Ehe und Familie das sein, was junge Menschen sich wünschen: Ein Ort der Liebe, des Vertrauens und der Solidarität, ein Platz für Kinder, die unsere Zukunft sind. Und umgekehrt gilt: Ohne den Bestand von Ehe und Familie und ihre in der Verfassung ausdrücklich angeleitete Förderung durch alle gesellschaftlichen Kräfte wird es für unser Volk keine lebenswerte Zukunft geben.
[Auszug aus dem von der Erzdiözese München und Freising veröffentlichten Original]