"Jesus braucht keine Mitläufer, er sucht Nachfolger"
Apr 24, 2006
Predigt des Erzbischofs von München und Freising zum Palmsonntag (9. April 2006)
"Jesus braucht keine Mitläufer, er sucht Nachfolger"
Wir veröffentlichen die Predigt, die Friedrich Kardinal Wetter, Erzbischof von München und Freising, am Palmsonntag im Münchener Liefrauendom vorgetragen hat. Vor allem die Jugendlichen rief er dazu auf, Christus mutig und entschlossen zu folgen, denn: "Die Größe des Menschen und seine höchste Berufung liegen nicht darin, Bedeutendes in dieser Welt zu vollbringen, sondern die Liebe Gottes mit unserer Liebe zu beantworten."
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Als Jesus am Palmsonntag in Jerusalem einzog, jubelten ihm die Leute zu. Sie rissen Zweige von den Bäumen, liefen neben ihm her und riefen: "Hosanna! Gelobt sei er, der kommt im Namen des Herrn!" Fünf Tage später, am Karfreitag, wo waren sie da? Kein Hosanna war mehr zu hören; vielmehr schrieen sie: Ans Kreuz mit ihm!
Da zeigte sich, dass sie beim Einzug in die Heilige Stadt nur Mitläufer waren. Jesus aber braucht keine Mitläufer, er sucht Nachfolger, Menschen, die zu ihm stehen, auch wenn es mühsam, ja gefährlich wird. Um sein Nachfolger zu werden, muss man Jesus kennen. Die am Sonntag Hosanna gerufen haben, kannten ihn nicht wirklich. Sie meinten, mit ihm komme einer, der sie von der Herrschaft der Römer befreit und das Reich Davids wieder aufrichtet, wie es 1000 Jahre zuvor bestanden hat. Sie wussten nicht, wer Jesus wirklich war. Darum waren sie nur Mitläufer, aber keine Nachfolger.
Jesus kennen lernen. Zum heutigen kleinen Weltjugendtag richtete der Heilige Vater eine Botschaft an euch junge Christen. Darin ermutigt er euch, die Heilige Schrift zu lesen. Denn darin könnt Ihr Jesus kennen lernen. Er zitiert den heiligen Hieronymus, der sagt: "Die Schrift nicht kennen heißt, Christus nicht kennen." Was der Heilige Vater den Jugendlichen sagt, gilt für uns alle. Unser aller lebenslange Aufgabe ist es, durch die Heilige Schrift Schrift Jesus immer tiefer zu erfassen.
Darum wird uns in jedem Gottesdienst aus der Bibel vorgelesen. Soeben hörten wir die Leidensgeschichte des Herrn. Da wird uns vor Augen gestellt, wer Jesus ist. Das zeigt er uns in dem, was er für uns tut. Er liebt uns so sehr, dass er für uns stirbt, und zwar den schändlichsten Tod, den Tod am Kreuz. Und das alles für uns.
Und am Ende der Passionsgeschichte wird uns auch gesagt, wer uns in diesem Jesus, der uns so sehr liebt, eigentlich begegnet. Der Hauptmann, der beim Kreuz Jesu steht, spricht es aus: "Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn." Gott selbst ist es, der uns so liebt. Wenn wir uns gläubig dieser Botschaft öffnen, erfahren wir nicht nur, wer Jesus Christus ist; wir begegnen ihm auch und erfahren seine liebende Gegenwart, Gottes liebende Gegenwart, die uns trägt, die Dunkelheit unserer Angst vertreibt und auch in den schwierigen Momenten unseren Lebensweg erleuchtet. In dieser Begegnung öffnet sich uns ein neuer Horizont und gibt unserem Leben die entscheidende Richtung (vgl. Deus caritas est).
Von Gott so geliebt sein, das gibt uns doch ein unerschütterliches Vertrauen, eine unzerstörbare Geborgenheit in Gottes Hand, die uns durch alle Wechselfälle des Lebens hindurch trägt bis in die Ewigkeit. Diese Liebe erwidern wir mit unserer Liebe, die sich in felsenfester Treue zu Jesus zeigt. Wir sind keine Mitläufer, wir sind Nachfolger und stehen zu ihm. Nichts kann uns von ihm trennen – kein Besitz, keine Karriere, kein Erfolg, keine Macht der Welt.
Der heilige Paulus schreibt an die Römer: "Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert? Doch all das überwinden wir durch den, der uns geliebt hat (…). Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn" (Röm 8,35.37-39).
Die Größe des Menschen und seine höchste Berufung liegen nicht darin, Bedeutendes in dieser Welt zu vollbringen, sondern die Liebe Gottes mit unserer Liebe zu beantworten. Unsere Liebe, die wir ihm und einander erweisen, ist "Antwort auf das Geschenk des Geliebtseins, mit dem Gott uns entgegengeht" (Deus caritas est, 1). Ob Liebe echt ist, zeigt sich an der Treue. Darum sind wir keine Mitläufer, sondern Nachfolger.
Liebe Jugendliche, beim Weltjugendtag in Köln habt Ihr im letzten Jahr durch eure begeisterte Mitfeier gezeigt, dass Ihr bereit seid, auf den Spuren Jesu zu gehen und ihm nachzufolgen. Diese Aufgabe richtet sich zunächst auf euer persönliches Leben, weitet sich dann aber aus auf die Gestaltung unserer Welt. In seiner Botschaft zum heutigen Tag sagt Euch der Papst: "Das Leben auf Christus bauen, indem man sein Wort voller Freude annimmt und seine Lehre in die Tat umsetzt: das, liebe Jugendliche des dritten Jahrtausends, muss euer Programm sein! Es muss eine neue Generation von Aposteln entstehen, die im Wort Christi verwurzelt ist, den Herausforderungen unserer Zeit begegnen kann und bereit ist, überall das Evangelium zu verbreiten."
Euer Programm soll es sein, euer Leben auf Christus zu bauen und die Botschaft von der Liebe Gottes weiterzutragen, wie sie sich uns in Jesus Christus geoffenbart hat und uns Tag für Tag als Geschenk Gottes angeboten wird.
Das ist Jesu Auftrag an uns alle. "Ihr seid das Licht der Welt!", sagt er in der Bergpredigt (Mt 5,14). Ihr, liebe Jugendliche, und wir alle sollen das Licht der Liebe Gottes hineinleuchten lassen in unsere orientierungslose Welt, um ihr den Horizont des wahren Lebens zu öffnen und das Ziel zu zeigen, das unserem Leben Richtung und Sinn gibt.
Als Nelson Mandela 1994 das Amt des südafrikanischen Staatspräsidenten antrat, hat er diesen Auftrag so formuliert: "Du bist ein Kind Gottes. Wir alle sind dazu bestimmt zu leuchten, wie es Kinder tun. Wir sind geboren, um den Glanz Gottes, der in uns ist, kund zu tun." Ja, lassen wir den Glanz der Liebe Gottes, die uns geschenkt ist, aufleuchten in unserer Welt. Dieser Glanz Gottes kommt in allen Menschen zum Leuchten, die Jesus nachfolgen.
Mit unserer Prozession, in der wir zu Beginn des Gottesdienste hinter dem Kreuz hergingen, haben wir öffentlich bekannt: Wir wollen keine Mitläufer sein, sondern Nachfolger Jesu, in dem Gott uns seine ganze Liebe schenkt. Amen.