"Was unzeitgemäß erscheint, ist das, was unsere Zeit bitter nötig braucht"
Jan 21, 2006
Friedrich Kardinal Wetters Laudatio auf Philip Gröning für seinen Film "Die große Stille" bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises.
ROM, 17. Januar 2006 (ZENIT.org).- "Erst in der Stille beginnt man zu hören und zu entdecken, worauf es ankommt", betonte Friedrich Kardinal Wetter, Erzbischof von München und Freising, am 13. Januar in seiner Lobrede auf Regisseur Philip Gröning im Münchner Prinzregententheater. Genau das habe der Träger des Bayerischen Filmpreises 2006 in seinem "außergewöhnlichen Filmwerk" auch zum Ausdruck gebracht. "Hier sieht man, wie zufrieden und gelassen, ja glücklich, Menschen sein können, die tief im christlichen Glauben verwurzelt sind."
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Meine Damen und Herren,
ungewöhnlich ist das schon: ein Kardinal bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises als Laudator auf der Bühne des Prinzregententheaters. Und noch ungewöhnlicher ist: Ich darf die Laudatio halten auf jemanden, den ich heute zum ersten Mal sehe. Aber das weiß ich: Er hat ein außergewöhnliches Filmwerk geschaffen, dem die Jury den Preis für den besten Dokumentarfilm zuerkannt hat für den faszinierenden Film "Die große Stille".
Die Rede ist vom Filmemacher Philip Gröning. 1959 ist er in Düsseldorf geboren. Nach Studien der Medizin und Psychologie ging er an die Hochschule für Film und Fernsehen in München. Seit 1983 produziert er Filme und gewinnt einen Preis nach dem anderen.
"Die große Stille" feierte 2005 auf dem Filmfestival in Venedig Weltpremiere. Gedreht hat er den Film ganz alleine. Er war für alles verantwortlich: für das Buch, die Regie, die Kamera, den Ton und den Schnitt.
Der Film ist unglaublich erfolgreich, obwohl er allen cineastischen Erfahrungen zuwider läuft: Überlänge, keine Handlung, keine Kommentierung, keine Musik – nur der Choral der Mönche. Gezeigt wird eine Lebensweise, die aus allen üblichen Rahmen heraus fällt: Ein Leben in Stille und Schweigen, eingefangen mit Bildern aus dem Leben der schweigenden Mönche in der Grande Chartreuse in den französischen Alpen.
Schon vor 20 Jahren wollte Philip Gröning dort einen Film drehen und das Leben der Karthäuser, einem der strengsten Orden der katholischen Kirche, mit ihrem Schweigegelübde filmisch einfangen. Damals hat man sich ihm noch verweigert, bis ihn 15 Jahre später der Prior anrief und einlud. Fast ein halbes Jahr lebte Philip Gröning im Kloster, teilte mit den Mönchen ihr karges, schweigendes Leben, um zu schauen, zu betrachten und ins Bild zu bringen.
Er, der Filmemacher, allein unter schweigenden Mönchen. Er wurde einmal gefragt: "Was haben Sie getan, während die Mönche gebetet haben?" Seine Antwort: "Auch gebetet. Manchmal auch gefilmt. Aber natürlich kann man so ein Leben nicht verstehen, wenn man es nicht teilt."
Mit seinem Film richtet uns Philip Gröning eine Botschaft aus von etwas, was er selbst erlebt hat. Er nimmt uns mit in die Große Karthause und zeigt uns Menschen, die allein sind, in Stille, Gebet und Meditation, und dabei Ruhe, Zufriedenheit und Heiterkeit ausstrahlen; Menschen, die ein karges, aber innerlich reich erfülltes Leben führen, weil sie eins sind mit sich und mit Gott.
Viele mag das Leben, das ihnen im Film vor Augen geführt wird, beeindrucken, vielen mag es aber auch ganz unzeitgemäß erscheinen. Doch was unzeitgemäß erscheint, ist das, was unsere Zeit bitter nötig braucht. Denn wir stehen in der Gefahr, von Lärm und Hektik weggespült zu werden und in den Fluten nichts sagender Worte unterzugehen. Erst in der Stille beginnt man zu hören und zu entdecken, worauf es ankommt.
Philip Gröning zeigt es uns mit seinen schweigenden Mönchen: mit Gott, mit sich selbst und mit der Welt im reinen zu sein. Ihre Stille ist nicht Leere, sondern erfüllt von einer Wirklichkeit, die wirklicher ist als alle Welt, erfüllt von der Nähe Gottes. Hier sieht man, wie zufrieden und gelassen, ja glücklich, Menschen sein können, die tief im christlichen Glauben verwurzelt sind.
Lieber Herr Gröning, ich gratuliere Ihnen zu diesem Film, der Mut macht zum Nach- und Umdenken – und freue mich mit Ihnen über den Bayerischen Filmpreis, der Ihnen heute überreicht wird.