Friedrich Cardinal Wetter Friedrich Cardinal Wetter
Function:
Archbishop of München und Freising, Germany
Title:
Cardinal Priest of S Stefano al Monte Celio
Birthdate:
Feb 20, 1928
Country:
Germany
Elevated:
May 25, 1985
More information:
www.catholic-hierarchy.org
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German Fronleichnamspredigt 2005
May 31, 2005
Wir veröffentlichen die Predigt, die Friedrich Kardinal Wetter, der Oberhirte des bayerischen Heimatbistums von Joseph Ratzinger, dem jetzigen Papst Benedikt XVI., am Donnerstag, 26. Mai 2005, dem Hochfest des Leibes und Blutes Christi, beim Festgottesdienst auf dem Marienplatz in München gehalten hat.

"Die Kirche lebt – sie lebt, weil Christus lebt", sagte Papst Benedikt am Tag seiner Amtseinführung vor einem Monat. Ja, die Kirche lebt, weil der auferstandene Herr in ihr lebt.

Heute feiern wir diese lebendige Gegenwart des Herrn in unserer Mitte. Im Altarsakrament ist er bei uns, so nahe, dass wir ihn bei der heiligen Kommunion in die Hand nehmen und sogar als Speise zu uns nehmen können. Die Unscheinbarkeit einer kleinen Hostie darf uns jedoch nie vergessen lassen: Es ist der Herr. Er hat sich nicht nur aus der Ewigkeit zu uns herabgebeugt; er, der Sohn Gottes, ist als Mensch zu uns gekommen; noch mehr: Er hat sich im Abendmahlssaal von den Jüngern niedergekniet, um ihnen und in ihnen uns allen die Füße zu waschen. Er ist unser aller Diener geworden – nicht mit einzelnen Dienstleistungen, sondern in der ganzen Hingabe seiner selbst am Kreuz und als Speise in der heiligen Kommunion.

Wir sehen in der Eucharistie ein Stück Brot. Das ist jedoch nicht etwas, sondern Er, unser Herr und Gott. Was unsere Augen als Brot sehen, ist sein Leib. "Nehmet hin und esset; das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird", sagt der Herr. Er ist es selbst, leibhaft. Im Geheimnis der Eucharistie wird sichtbar, wie nahe er uns ist.

Wie können wir Ihm dafür danken? Vor allem in der Anbetung! Der heilige Thomas von Aquin beginnt seinen bekannten Fronleichnamshymnus: "Adoro te devote, latens deitas. Gottheit, tief verborgen, betend, anbetend, nah ich dir. Unter diesem Zeichen bist zu wahrhaft hier." Und der heilige Augustinus sagt vom Kommunionempfang: "Niemand empfängt den Leib des Herrn, ohne dass er anbetet."

Als der verstorbene Papst Johannes Paul II. für heuer das Eucharistische Jahr ausrief, nannte er als Anliegen die Verlebendigung der sonntäglichen Messfeier und die eucharistische Anbetung. Papst Benedikt hat sich dieses Anliegen zu Eigen gemacht: In der ersten Messfeier, die er mit uns Kardinälen am Tag nach der Wahl zum Nachfolger Petri in der Sixtinischen Kapelle gefeiert hat, sagte er: "Ich bitte alle darum, die Liebe und die Andacht zum eucharistischen Jesus zu verstärken sowie mutig und klar den Glauben an die wirkliche Gegenwart des Herrn zum Ausdruck zu bringen."

Diesen unseren Glauben bekennen wir, indem wir vor dem eucharistischen Herrn anbetend unsere Knie beugen und mit dem Apostel Thomas bekennen: "Mein Herr und mein Gott!" (Joh 20,28) Anbetend er hat sich dem Auferstandenen genaht. Anbetend nahen auch wir uns dem Herrn, der in den heiligen Gestalten von Brot und Wein in unserer Mitte ist.

Anbetend bekennen wir uns zu ihm, dem wir unser Dasein verdanken. "Alles ist durch ihn geschaffen" (Kol 1,10), sagt der Apostel Paulus. Ohne ihn gäbe es uns und die Welt nicht. "Alles ist auf ihn hin geschaffen", fährt Paulus fort.

Das heißt, Jesus Christus ist unsere Zukunft, das Ziel, in dem sich unser Leben erfüllt. In ihm finden wir alles, die Fülle des Lebens. In der Anbetung richten wir uns auf ihn hin aus und machen uns mit unserem ganzen Dasein an ihm fest. Das hat eine heilende Wirkung, denn die Anbetung gibt unserem Leben Orientierung und Richtung. In ihm finden wir Halt und Festigkeit. Wer ihn anbetet, baut das Haus seines Lebens nicht auf dem Flugsand des Zeitgeistes. Er steht fest und läuft nicht Gefahr, im Meer der Beliebigkeit unterzugehen. Hoffnungsvoll kann er seinen Weg in die Zukunft
gehen.

Der Herr steht jedoch nicht passiv vor uns. Seine Gegenwart ist eine Einladung zu einem glückenden Leben. Er streckt seine Hand nach uns aus, um uns an sich zu ziehen. In der Anbetung nehmen wir seine Einladung an und lassen uns hineinholen in die Geborgenheit seiner Liebe.
Das führt zu wahrer Größe, vor der alle Größe dieser Welt ganz klein wird.

Johannes XXIII. sagte: "Nie ist der Mensch so groß als wenn er kniet." Die Anbetung des Herrn verleiht wahre Größe. "In deiner Größe sind wir groß", heißt es in einem afrikanischen Gebet. Wer vor ihm kniet, kann vor jedem Menschen aufrecht stehen und fällt keiner Ideologie zum Opfer. Unsere christlichen Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus sind uns Vorbilder. Sie haben ihre Knie nur vor dem Herrn gebeugt und daraus Kraft geschöpft, den Mächtigen zu widerstehen und sich nicht jener unheilvollen Ideologie zu beugen, auch nicht im Angesicht des Todes. Es ist darum hoffnungsvoll, dass sich beim Weltjugendtag die jungen Christen unter dem
Leitwort versammeln: "Wir sind gekommen um anzubeten."

Das ist auch Inhalt unseres Fronleichnamsfestes. Das ist nicht nur für jeden einzelnen von uns bedeutsam, sondern auch für jede menschliche Gemeinschaft. Die älteren Münchner erinnern sich noch an die erste Fronleichnamsprozession 1945 nach dem Krieg. Die Jüngeren kennen die Bilder von damals, die zeigen, wie die Gläubigen vor 60 Jahren um den eucharistischen Herrn geschart durch das Trümmerfeld unserer Stadt zogen. In der Ausweglosigkeit jener Wochen – kein Mensch wusste, wie es weitergehen sollte – hielten sie im Glauben fest an Jesus Christus und bauten auf ihn. Das gab ihnen Hoffnung und Kraft, eine neue Zukunft zu bauen, von der wir heute noch zehren und dabei sind, sie aufzuzehren.

Auch heute gilt es, auf Jesus zu schauen, um jene Werte nicht aus dem Blick zu verlieren, auf denen wir die Zukunft unserer Gesellschaft und auch des Staates aufbauen können. Wir brauchen gerade auch heute Werte, die beständig und verlässlich sind. Sonst bauen wir auf Sand.

Darum dürfen wir Jesus Christus, der zur Rechten Gottes des Vaters sitzt, nicht links liegen lassen – auch nicht im öffentlichen Leben, auch nicht in der Politik auf allen Ebenen. Wir scharen uns heute gläubig anbetend um den Herrn, der im Geheimnis der Eucharistie in unserer Mitte ist, und bitten wir ihn um Einsicht und Kraft, unsere Zukunft auf ein Fundament zu bauen, das für uns und die kommenden Generationen Bestand hat.

Unser Fronleichnamsfest weist in die Zukunft, ja, es nimmt die Zukunft bereits vorweg. Am Ende der Zeiten nämlich, wenn die Geschichte dieser Welt in die Ewigkeit einmündet, werden, wie der Apostel Paulus sagt, "alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu und jede Stimme wird bekennen: 'Jesus Christus ist der Herr'" (Phil 2,10f).
Wir warten nicht bis zum Ende der Welt, sondern beugen schon heute anbetend unsere Knie vor unserem Herrn, der in der Eucharistie unter uns gegenwärtig ist, und bekennen dankbar und voll Freude: Jesus Christus ist der Herr! Amen.
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