Tauran: Welt muss Platz für alle Religionen haben
Jul 03, 2009
Kathpress
Dritter Kongress der Weltreligionen in Kasachstan - Kurienkardinal im "Kathpress"-Gespräch: Respektvolles Zusammenleben der Religionen und Kulturen ist möglich
Astana, 02.07.2009 (KAP) In der Welt von heute müssen alle Religionen Platz haben. Das hat der Präsident des Päpstlichen Rates für den interreligiösen Dialog, Kardinal Jean-Louis Tauran, am Donnerstag in der kasachischen Hauptstadt Astana im "Kathpress"-Gespräch betont. Tauran nimmt als Leiter der Vatikan-Delegation am Dritten Kongress der Weltreligionen in Kasachstan teil. Religion spiele letztlich in jeder Gesellschaft oder Kultur eine Rolle, umso wichtiger sei ein gelingender interreligiöser Dialog für den Zusammenhalt der Gesellschaft. "Ein friedliches und respektvolles Zusammenleben der Religionen und Kulturen ist möglich", so Kardinal Tauran. Kasachstan selbst sei dafür ein Bespiel.
Zum Dritten Kongress der Weltreligionen vom 1. bis 2. Juli in Astana waren 77 Delegationen angereist, die alle großen Kirchen und Religionen der Welt repräsentieren. In Kasachstan leben mehr als 130 verschiedene Volksgruppen zusammen, es gibt fast 50 unterschiedliche Religionsgemeinschaften im Land.
Kardinal Tauran würdigte alle Bemühungen, Angehörigen anderer Glaubensgemeinschaften zuzuhören und sie zu verstehen. Das seien die Grundlagen jedes gelingenden Dialogs. In diesem Sinne bräuchten auch die Muslime in Europa ihren Platz und entsprechendes Verständnis.
"Synkretismus" ist nicht hilfreich
Zur Frage, ob etwa mit dem Islam ein Dialog über strittige theologische Fragen möglich sei, meinte Tauran, dass dies bei den zentralen Glaubenssätzen nicht der Fall sei. Sehr wohl gebe es aber sinnvolle Dialogansätze bei Lebensbereichen, die eng mit dem Glauben verbunden sind, so etwa im Bereich der Familie oder bei Fragen der sozialen Gerechtigkeit.
Im "Kathpress"-Gespräch am Rande der Konferenz warnte Kardinal Tauran auch vor der Gefahr des Synkretismus. Voraussetzung für jeden interreligiösen Dialog seien Partner mit klaren eigenen Standpunkten. Nur allzu leicht könnte sonst der Eindruck entstehen, dass alle Religionen mehr oder weniger gleich und damit auch beliebig seien.
Angesprochen auf den Eklat beim Kongress am Mittwoch, als die iranische Delegation bei der Rede des israelischen Präsidenten Shimon Peres den Saal verlies, meinte Tauran, dass es ganz grundsätzlich nicht hilfreich sei, den Dialog zu verweigern. Der Iran hatte bereits im Vorfeld der Konferenz mit einer Absage gedroht, als bekanntgeworden war, dass der israelische Präsident als "Keynote-Speaker" auftreten werde. Peres sei kein religiöser Führer sondern "ein Mann der Gewalt", hatte ein iranischer Delegierter gemeint.
Die iranische Delegation kehrte erst nach dem Ende der Rede von Peres in den Sitzungssaal zurück. Zuvor hatte das iranische Delegationsmitglied Mehdi Mostafavi einer Gruppe israelischer Journalisten gesagt: "Religion kann eine Brücke zum Frieden sein". Er beendete allerdings seine Ausführungen abrupt, als er bemerkte, dass er zu Israelis sprach.
Friedenssuche als gemeinsame Basis
Der orthodoxe Metropolit Emmanuel (Adamakis) von Frankreich wies jede Form von interreligiösem Dialog zurück, der Urteile oder Entscheidungen über den Gesprächspartner zum Ziel habe. Es gehe vielmehr darum, einander verstehen zu lernen, Vorurteile abzubauen, Vertrauen aufzubauen und neue Perspektiven kennenzulernen, die von den eigenen sehr verschieden sein können. Letztlich müsse der Dialog über die Toleranz hinaus zu mehr Anerkennung führen, so Metropolit Emmanuel, der in Astana den Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. vertrat. Letztlich hätten alle Religionen, so unterschiedlich sie auch seien, im Bemühen um Frieden eine gemeinsame Basis, so der Metropolit.
Im diesem Sinne wiesen dann auch alle Vertreter des Islam kritische Anfragen nach einem gewalttätigen Potenzial im Islam kategorisch zurück. So meinte etwa der Vorsitzende der Muftis in der Russischen Föderation, Ravil Gaynutdin, dass die aktuelle Gewalt im nördlichen Kaukasus nichts mit dem Islam zu tun habe. "Wir lehnen jede Form von Gewalt entschieden ab", so Gaynutdin im Gespräch mit "Kathpress".
Marco Impagliazzo, Präsident der Gemeinschaft "St. Egidio", hob das Gebet als mächtigstes Werkzeug des Friedens hervor. Er erinnerte in diesem Zusammenhang auch an Papst Johannes Paul II., der 1984 in Assisi erstmals die Vertreter aller Religionen zum Gebet eingeladen hatte.
Frauen unterrepräsentiert
Der nordamerikanische Rabbiner Arthur Schneier mahnte in der Diskussion, dass die religiösen Verantwortungsträger auch vor ihren eigenen Gläubigen über andere Religionen mit dem gleichen Respekt sprechen müssten, wie dies hier in Astana geschehe. Als Rabbiner, der bereits seit mehr als vier Jahrzehnten im interreligiösen Dialog engagiert ist, wünsche er sich nun auch über den Dialog hinaus mehr praktische gemeinsame Aktionen.
Der Oberste Mufti von Kasachstan, Absattar Derbisali, sprach gegenüber "Kathpress" von deutlichen Fortschritten, die der Kongress gebracht habe. Die Gelegenheit, sich an einem gemeinsamen Tisch auszutauschen, habe auf jeden Fall zu mehr gegenseitigem Verständnis geführt, so der Mufti.
Mit Bernice Powell Jackson, Präsidentin der nordamerikanischen Sektion des Weltkirchenrates, saß nur eine einzige Frau am Runden Tisch der Delegationsleiter. Sie erhoffe sich deshalb auch, so Jackson im "Kathpress"-Gespräch, dass beim nächsten Kongress der Weltreligionen mehr Frauen auf Führungsebene vertreten sein werden. Das würde die Inhalte der Gespräche und Aufmerksamkeit der Teilnehmer auch mehr auf die schwierige Situation der Frauen in vielen Ländern der Welt lenken.